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Kritik: „Wiener Blut“ (2019)

Im diesem TV-Thriller von Barbara Eder machen Islamisten und Rechtsextreme gemeinsame Sache. Mittendrin eine ägyptischstämmige Staatsanwältin und ihre naive Tochter. Spannend, aber leider fehlt den Charakteren in „Wiener Blut“ die Luft zum Atmen.

Blutleer

Das erste und größte – wenn man so will – Problem von „Wiener Blut“ ist gleich einmal der Titel. Der gleichnamigen Walzer wird am Anfang und am Ende verwendet. War günstig, verstehen wir. Aber sonst? Weder die Handlung der Operette, noch irgendwelche Querverbindungen zu den Liedern Falcos oder Rammsteins scheinen Inspiration gewesen sein.

Es gibt zwar eine Leiche und am Ende einige Schüsse, aber echtes Blut hält sich bildlich in Grenzen. Das passt auch, „Wiener Blut“ ist eben kein Krimi, sondern ein Thriller. Woher kommt also dieser generische „Tatort“-Titel?

Genug über Blut. Was ist mit Wien? Der Film gibt sich sichtlich Mühe, auch die Großstadt wirken zu lassen. Die Stadt von oben, immer wieder gut im Bild. Eine große Brücke. Der Dom als Bürokulisse. Ein großer Bahnhof, wo die Bedrohung so richtig spürbar ist.

Foto: ORF/Satel Film

Ein Fall für „The Team“?

Die gezeigte Handlung muss in einer Großstadt spielen. Aber hat es unbedingt Wien sein müssen? Insgesamt drängt sich nämlich der Eindruck auf, dass hier die Chance auf eine solide Miniserie oder zumindest einen Mehrteiler vergeben wurde. Unweigerlich denken wir bei Größe des perfiden Planes der beiden radikalen Gruppen an eine internationale Angelegenheit. Das hätte eine Fall für „The Team“ sein können.

Auch diese Überladung mit Figuren spricht dafür. Die hätten wesentlich mehr Platz gebraucht. Einige davon zu streichen wäre sinnvoll gewesen, aber das ist nicht passiert. Eine Konsequenz daraus ist, dass Informationen in manchmal mehr und manchmal weniger gelungenen Dialogzeilen vermittelt werden müssen. Also fragt die gebildete und hochintelligente Staatsanwältin (Melika Foroutan), was denn die Finanzmarktaufsicht genau mache und die ebenso gebildete Großmutter (Charlotte Schwab) erklärt, was das Passwort „Mama666“ bedeutet.

Nicht nur, dass uns hier das Gefühl beschleicht als Publikum einfach nicht für voll genommen zu werden, hat das auch narrative Implikationen. Für echte Charakteretablierung und -entwicklung bleibt da keine Zeit. Wissen wir überhaupt den Namen oder die genaue Position von zum Beispiel Florian Teichtmeisters Rolle? Nein, der ist einfach nur korrupt und irgendwie rechts. Woher das kommt und wie er in die Position gelangte wäre aber schon interessant. Oder der Banker Beer (Harald Schrott). Was wissen wir von ihm außer dem plakativen Schmiss und der in den gröbsten Strichen gezeichneten Erklärung über ultra-rechte Ideologie im Gespräch mit dem Imam (Stipe Erceg)?

Foto: ORF/Satel Film

Wir könnte noch viele dramaturgische Abkürzungen und zu kurz gekommene Charaktere auflisten, der finale Befund wird sich nicht ändern. Etwas mehr Luft und eine eindeutig länger Laufzeit hätte sich die eigentlich gute Story verdient gehabt.

Wiener Blut, eigner Saft, voller Kraft, voller Glut

Da machen also ein islamistischer Verein und ein reicher Rechtsextremer gemeinsame Sache. Ihr Ziel, die unbeteiligte bzw. liberale Mitte der Gesellschaft zu radikalisieren und auf eine der beiden Seiten ihres Krieges zu ziehen. In eine finale Schlacht zwischen Christentum und Islam um Europa. Und das ganze ausgehend von einem Terroranschlag in Wien unter Beteiligung einer bestens integrierten – wenn nicht sogar assimilierten – ägyptischstämmigen Familie.

Diese Selbstüberschätzung, dieses sich selbst für so wichtig halten, Das könnte die Antwort auf unsere Frage sein, woher der Titel kommt. Ist nicht die Bedeutung des geflügelten Wortes „Wiener Blut“ aus der Operette und dem auf den Walzer gedichteten Text dass wir alle irgendwie „wer“ sind? Blaublütig, hauptstädtisch, kaiserlich, der Nabel der Welt. Wie auch immer, jedenfalls etwas besonderes, einzigartiges, einmaliges. Dieses Wiener Blut fließt in uns allen. Auch denen, die nicht hier geboren sind.

Oder liegt die Antwort in anderen Funktionen von Blut? Wundschließung und die Bekämpfung von Krankheitserregern? Wenn die guten Kräfte in der Gesellschaft zusammenhalten, dann können sie die Bedrohung abwehren. Das gilt genauso für die assimilierte Familie, den Ermittler (Harald Windisch), der zwar schwankt, sich aber dann doch für die richtige Seite entscheidet und den Finanzbeamten (Florian Stetter), der – wenn auch vielleicht aus amourösen Motiven – dann endlich einmal wirklich gegen irgendwelche Großkapitalisten ermittelt. Der einzelne kann etwas erreichen, aber wenn viele einzelne kooperieren, dann hat die Korruption in und zwischen Justiz, Polizei und Konzernen keine Chance.

Foto: ORF/Satel Film

Wie hat euch „Wiener Blut“ gefallen? Was war gut, was war schlecht? Gibt es etwas zu ergänzen? Nur her mit eurer Meinung!


Und sonst?

  • Mit „Vienna Blood“ hat der ORF übrigens noch eine defacto gleichnamige Produktion in der Pipeline. Die internationale Koproduktion wird aber vermutlich als „Liebermann“ bei uns zu sehen sein.
  • „Wiener Blut“ hatte ein Produktionsbudget von knapp zwei Millionen Euro.
  • Bildungsauftrag: Lernen wir ein wenig Geschichte. Der Imam spricht im Gespräch mit dem Banker die Schlacht bei Hattin an, bei der die Kreuzzügler eine empfindliche Niederlage gegen Saladin erlebten, die dann auch ursächlich für den Verlust Jerusalems war. Die Folge war der dritte Kreuzzug. Der angesprochene Renaud (oder Rainald) de Châtillon wurde nach der Niederlage bei Hattin hingerichtet. Wer die Geschichte lieber von Hollywood erzählt bekommt —> „Kingdom of Heaven“ von Ridley Scott
  • Die Radikalisierung von Jugendlichen ist ein Teilaspekt des Films und eine davon ausgehende Diskussion wäre jedenfalls interessant. Weil in der ganzen sogenannten „Islamdebatte“ Kinder und Jugendliche immer irgendwie im Fokus stehen und vermutlich auch präventive wie auch (die richtigen) bestrafenden Maßnahmen die größeren Effekte erzielen können als bei Erwachsenen.
    • Die naive Tochter Aline (Noelia Chirazi) lässt sich in den Verwirrungen der ersten Liebe für ziemlich enorme Beihilfe einspannen. Inwieweit sie da gerichtlich ungeschoren davonkommen kann, lässt der Film leider offen.
    • Wirklich Angst macht uns aber Djamal (Hassan Kello). Wie eiskalt dieser Teenager Aline manipuliert, belügt und stellenweise noch so tut, als könnte er kein Wässerchen trüben. Auch wenn es eventuell Szenen gibt, die versuchen ihn zu entschuldigen oder gar eine Manipulation des jungen Menschen durch den Imam suggerieren, gibt es eigentlich keine zweite Sichtweise: Das ist ein ganz gefährlicher Extremist, der zielstrebig und fanatisch das Ziel verfolgt dutzende wenn nicht sogar hunderte Menschen zu ermorden. Auch seine Strafe bleibt offen.

Fotos: ORF/Satel Film (Fabio Eppensteiner)

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