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Kritik: M – Eine Stadt sucht einen Mörder – Teil I & II

In Deutschland werden alle Folgen von „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ am 23.2. gleichzeitig an den Start gehen, der ORF strahlt sie hingegen in Doppelfolgen aus. Teil I und II sind ein vielversprechender Start.

Zwei Herzen

Es ist eine artifizielle Welt, in die uns Drehbuchautoren David Schalko und Evi Romen hier einladen. Natürlich auch eine verdichtete, damit die Geschichte runder ist – hier sind der Fotograf (Udo Kier), der Clown und der bleiche Mann (der Puppenmacher, Bela B.) omnipräsent in Wiens Straßen, hier ist der Lehrer (Michael Fuith) der Lehrer gleich mehrerer verschwundener Kinder, hier gibt es noch einen alteingesessenen Bonbon-Verkäufer, hier übernimmt die Kommissarin (Sarah Viktoria Frick) gleich zwei Schichten. Dieses Wien ist klein und groß gleichermaßen, in unserer Zeit verankert und doch irgendwie auch aus der Zeit gefallen – eine äußerst spannende Mischung.

Jetzt schlagen da aber zwei Herzen in unserer Brust. Das eine sagt: Was für ein Meisterwerk der Fernsehkunst, so schön und ästhetisch. Wie hübsch und bedeutungsschwanger sind diese Schneekugeln, die die zerbrochenen Kinderleben symbolisieren? Wie Ein Herz, das uns aufgeht, als wir am Ende von Teil II die wahre Bedeutung von „am fließenden Wasser, am Wasser das steht“ erfahren. Ein Herz, das begeistert ist von der Fuchs-Symbolik in Elsies Leben, sei es bei ihrem Verschwinden, ihrer Kindertapete oder in ihrem Malbuch. Was mag es bedeuten?

Das andere Herz erkennt so manche dieser Elemente aber auch als prätentiös. Vor allem dann, wenn sie dem menschlichen Verhalten widersprechen und dadurch zu gewollt wirken. So geht es uns vor allem beim bleichen Mann (Bela B.), der etwa behauptet, dass Elsie noch lebt – die Frage sei auf welcher Seite. Der schon Beginn der Folge prophezeit, dass man drei Leichen finden wird, noch bevor überhaupt ein drittes Kind entführt wurde. Total poetisch, aber natürlich artifiziell ohne Ende.

Dessen sind sich die Autoren eh bewusst („A unglaublicher Schaß“, kommentiert das der Kommissar lakonisch), aber je deutlicher die Symbolik dabei über der Glaubwürdigkeit steht (und je schwächer die Symbolik überhaupt ist), desto eher wirkt das wie zu gewollt – und dadurch wie ein Fremdkörper. Negativbeispiele sind dafür die aufgesetzte Szene mit dem bleichen Mann und seinen Schaufensterpuppen (Teil I), bei dem die metaphernschweren Spiegel natürlich nicht fehlen dürfen, oder das Peter-Pan-Theaterstück (Teil II). Während es der Serie sonst wirklich nicht an Originalität mangelt, sind das Szenen, ohne die wir auch leben könnten. Auch wenn sie hübsch aussehen.

Metaphern! Symbole! Subtext! Kunst! Foto: ORF/Superfilm/Ingo Pertramer

Auch bei den Dialogen wandert „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ da stets einen Drahtseilakt – und man muss schon sagen, dass sich Schalko und Romen die Schwierigkeitslatte selber unheimlich hoch hängen. Schon allein die Tatsache, dass ausschließlich die Kinder Namen tragen, sorgt für eine artifizielle Sprache, die aber durchaus sehr ansprechend ist und sich durchwegs in die Gesamtästhetik elegant einfügt. Gelegentlich wirkt das dann aber zu gewollt und deshalb unfreiwillig (?) humorvoll – als etwa das Krankenhaus Elsies Mutter anruft, dass ihr Mann im Krankenhaus liegt, muss man sich schon fragen, ob Elsies Vater seine Frau als „Ehefrau“ im Handy eingespeichert hat.

Meistens navigieren Schalko und Romen sich dabei souverän durch – obwohl es so eine große Anzahl an Figuren gibt, gibt es relativ selten Verständnisschwierigkeiten, wer wer ist. Die Rollen sind einfach klar genug gesetzt – es gibt eben den Lehrer, den Minister und die Kommissarin. Schwieriger wird es schon, wenn es zwei männliche Ermittler oder einen Fall in der Vergangenheit oder periphäre Verdächtige gibt, die nicht gleich in eine leicht identifizierbare Kategorie eingeordnet werden können. Gerade was die Hintergrundgeschichte der Kommissarin betrifft (bzw. den Fall der Cosima Bach), ist das ziemlich verwirrend.

In gewisser Weise maskiert die artifizielle Natur dieser Geschichte potentielle Defizite bei den Dialogen – schlimmstenfalls kann man die dann als „Kunst“ deklarieren. Etwa bei Rudis sinnfreiem Codewort-System (wenn ihn niemand hört soll er in ein Geschäft laufen?), oder den Bonbonladen-Besitzer, den Rudi aufsucht. „Können Sie mir helfen?„, fragt Rudi. „Natürlich. Einem Kind hilft man immer. Das ist die Aufgabe von uns Erwachsenen.“ Die Kameraperspektive unterstreicht die Intention, das als bewusst absurde Überhöhung darzustellen – aber wie passt das zur Serie? Gehört es so, dass manche Figuren so hölzern reden? Nennen wir es einfach wohlwollend Kunst und belassen es dabei.

Der Jetzt-Bezug

Was Dialoge nicht maskieren können ist die Qualität der Satire – und auch nicht müssen, denn die ist ziemlich genial. Gut, subtil ist anders, vor allem was den eitlen Minister betrifft, aber gerade deshalb ist „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ ja erst so richtig bissig. Der und seine Frau Oberst scheinen mit jeder Menge sinistren Vereinigungen verbandelt zu sein, sei es die Mediengruppe O5 oder die Verbrecherbande unter der Leitung von „der Wilden“ (Sophie Rois), wie sie im Presseheft bezeichnet wird – eine empathielose Verbrecherin mit fauler Zunge, die wir in den nächsten Teilen hoffentlich aufgrund des verstorbenen Kindes auch noch von einer anderen Seite sehen werden. (Hier unterscheidet sich das Remake vom Original, und das ist auch gut so – die Motivation der Gauner, nach M zu fahnden, ist stärker, wenn sie persönlich motiviert ist.)

Aja, und mit der Psychologin ist er auch noch verbandelt. Irgendwie. Foto: ORF/Superfilm/Klaus Pichler

Insbesondere diese Mediengruppe O5 ist ein Geniestreich, weil sie einerseits eine clevere Kombination aus Parodie auf Medien wie FPÖ-TV und der Tageszeitung Österreich ist („Unser Österreich, unsere Zeitung!“ heißt es auf der Titelseite einer jeden Ausgabe), andererseits aber auch noch ein, zwei Schritte weiter geht. Die Firma sieht sich als große Widerstandsgruppe gegen Islamisten (und wahrscheinlich ähnlichen Feindbildern), worauf ja auch der Name hinweist. Da überhaupt von Widerstand zu sprechen ist schon weit hergeholt, aber dann auch noch den Inbegriff des österreichischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus für die eigenen politischen Motive zu zweckentfremden, ist regelrecht pervers.

Wie in unserem Vorschau-Artikel bereits angedeutet hat David Schalkos „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ eine starke gesellschaftspolitische Komponente, und die wird in Teil I und II exzellent in Szene gesetzt. Genauso wie etwa Donald Trumps Ernennung zum Präsidenten der USA „The Handmaid’s Tale“ 2016 ordentlich in die Karten spielte und half, der Serie aus einem großen Pool an großer Qualität herauszustechen, ist auch „M- Eine Stadt sucht einen Mörder“ die rechte Serie zur rechten Zeit.

Denn auch „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ ist eine tolle Serie, die aber durch ihre Thematik am Puls der Zeit ist und so besonders hervorsticht. Diskussionen über gerade ungelegene Islamstudien oder Gutmenschenpolitik sind uns alles andere als fremd. Das kann in der Fiktion schnell mal aufgesetzt und dazugebastelt wirken, aber Teil I und II beweisen, dass es bei „M“ perfekt passt. Insbesondere die Rede des Innenministers gegen Ende der Folge bringt das auf den Punkt: Nicht nur, weil wir die Argumente des Ministers tagtäglich auch in den politischen Diskussionen unseres Landes sehen, sondern auch, weil wir die von ihm benützte Rhetorik nur zu gut kennen – und noch kein Gegenmittel entdeckt haben. „Stehen Sie auf der Seite der Opfer oder der des Täters?„, fragt er rhetorisch, um die Debatte als schwarz-weiß-Frage zu tarnen. Auf diese Frage gibt es nur eine einfache richtige Antwort – und viele komplizierte. Wenn die Gräber der Kinder entdeckt werden darf man drei mal raten, welche die Bevölkerung bevorzugen wird.

Die Hysterie bricht aus

Was die ersten beiden Teile wirklich schön einfangen ist, wie sie die Chronologie der Hysterie einfangen. Erst verschwindet Leyla, ein Asylantenmädchen – und fast niemanden kümmert’s. Aber dann verschwindet die kleine Elsie, und plötzlich wird der ganze kleine Park abgeriegelt und es wimmelt nur noch so vor Spurensicherung. Klar, jetzt weiß man ja erst, dass es sich wohl um einen Serientäter handelt, aber bis auf unsere Kommissarin und dem empathischen Lehrer fokussieren sich fast allesamt auf Elsies Verschwinden. Leylas Bruder bekommt keine anonymen Botschaften und Angebote, dass sie ihm beim Suchen nach dem Kind helfen – im Gegenteil, der muss es sogar vor seiner Mutter verbergen.

Die Experten raten, behutsam mit Informationen umzugehen und nicht voreilig zu handeln. Elsis verzweifelte Eltern tun aber natürlich genau das nicht, wenden sich an die Bevölkerung, und werden durch ihren live übertragenen Streit zur Internetsensation. Und so beginnt eine große kollektive Besorgnis, die sicher auch irgendwo ihre Berechtigung hat, aber andererseits schon zu ersten Verdächtigungen führt, die nicht nur von der Polizei kommen (sehr hübsch vom Fotografen dokumentiert – so vielen tatsächlich begründeten Verhaftungen kann der ja kaum zufällig beiwohnen), sondern auch von der Bevölkerung geäußert werden.

Foto: ORF/Superfilm/Ingo Pertramer

Teil I und II machen nicht unbedingt den Eindruck, dass sie dafür konzipiert waren, in Doppelfolge ausgestrahlt zu werden. Beide haben ganz unterschiedliche Tonalitäten: In Teil I dreht sich noch alles um Elsie und ihr Verschwinden, Teil II geht mit den Figuren hingegen viel weiter auf Distanz und fokussiert sich darauf, diverse Figuren (teilweise neu) zu etablieren. Die zweite Stunde war nicht die spannendste oder emotionalste, und es gab gleich mehrere Szenen, wo sich einem noch nicht erschließt, warum wir das jetzt sehen. Die Szenen mit dem stummen Mädchen und ihrem Vater/Bruder kommen da einem etwa sofort in den Kopf, die ausschließlich die Charakterdynamik etablieren, aber noch nichts zur Geschichte beitragen. Gleichzeitig ist zu vermuten, dass das die Art von Folge ist, die notwendig ist, um das Tableau für die verbleibenden Folgen zu präparieren.

Das vermuten wir insbesondere durch das wunderschöne, poetische, geradezu elegische Ende von Teil II. Die Suche nach den Kindern ist eine Sache, aber nun wird die Vermutung zur traurigen Gewissheit. Das dürfte die Gemüter erhitzen und den Worten des Ministers neue Kraft geben, und so erst den gesellschaftlichen Konflikt richtig in Gang setzen. Teil II war das Setup – Teile III, IV, V und VI werden der Payoff sein. Das schmälert unseren Eindruck des Auftakts allerdings nicht: „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ ist großes Kino.

Noch mehr Bla:

  • Ned rassistisch werden. Die Schwarzen haben mehr Fingerspitzengefühl als die Rumänen.“ Hab ich auch zweimal hören müssen, damit ich den verstanden hab.
  • Selten so verdammt coole und stimmige Schlusscredits gesehen. Wer „M“ im linearen Fernsehen gesehen hat und mochte, darf da ruhig einen Blick in die TVthek riskieren, wo die Credits ja in voller Länge gezeigt werden. Schaurig düster und beklemmend.
  • War die Kaktus-Szene grausam. Komisch aber, dass es der einzige Flashback der ersten beiden Teile war. Da seh ich den Mehrwert nicht.
  • Eine Figur, die ich nicht so wirklich abkaufe oder verstehe, ist die Geliebte von Elsies Vater. So verhält sich doch kein echter Mensch.
  • Der Lehrer ist eine der wenigen Figuren, die wirklich nett und empathisch zu sein scheinen. Aber trügt der Schein? Er behauptet, die sexuelle Belästigung wäre erfunden gewesen, und auf den ersten Blick glaubt man ihm das gern – aber mich beschleicht der Verdacht, dass die Autoren uns da auf die falsche Fährte führen wollen.

4 Kommentare

  1. Jane Doe 19. Feb 2019

    Hab nach 30 Minuten abgeschaltet, es war mir zu derb, zu abgeschmackt und zu grob in Wort und Bild. Warum DER österreichische Film auch immer in Wien und mit dem scheinbar dort anscheinend Tag und Nacht stattfindenden „subtilen“ Schmäh gezeigt werden muss hab zumindest ich nicht begriffen… Grschmackssache.

  2. Eveline Lehner 18. Feb 2019

    Da ich das Original im Kino gesehen habe , verstehe ich den Film vielleicht leichter als andere .
    Dennoch wäre es meiner Meinung sinnvoller alle Teile an einem Tag zu senden , so wie in Deutschland !
    Ich für meinen Teil werde auch die nächsten vier Sendungen ansehen !

    • Hannes Blamayer Autor des Beitrages | 19. Feb 2019

      Ich weiß nicht, wie viele Menschen so einen 5-Stunden-Marathon aushalten würden.
      Ich glaube die Ausstrahlung in 3 Doppelfolgen verteilt auf 5 Tage ist ideal für so eine Eventserie.

  3. Chrisula 17. Feb 2019

    Ich finde diese 2 Folgen genial gemacht, sodass man die weiteren sehen will, um zu sehen wie es weiter geht.

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