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Kritik: Meiberger 1×07 & 1×08 – Staffelfinale

Zum Abschluss packt „Meiberger“ noch jede Menge Gewalt in ein spannendes und hochdramatisches Staffelfinale. Wir analysieren, was in der Doppelfolge passiert und irgendwann fällt auch das Wort „Perfektion“.

Kleine Vorwarnung, das wird jetzt länger als zuletzt. Doppelfolge und Staffelabschluss verlangen, dass wir uns einige Dingen in größerem Detailgrad widmen als sonst. Hoffentlich haben Sie nichts dagegen.

Folge 7 – „Tödliche Gedanken“

Zuerst einmal ein Lob dafür, dass das erste Opfer keine völlig Unbekannte ist. Lisa (Clara Wollner) war schon am Ende der ersten Episode zu sehen, als sie Patrick nach seinem missglückten Auftritt tröstet und in der Episode „Geister“ an der Schule. Auch hier hätte es aber mehr Möglichkeiten gegeben, uns das Mädchen näher zu bringen, damit wir emotional wirklich mitfühlen. In der Folge wird angedeutet, dass die Familien befreundet sind und sie mit Patrick in einer Clique ist. So ist es hauptsächlich der hervorragenden Darstellung von Claudia Kottal als Mutter zu verdanken, dass uns der Fall der Woche sehr nahe geht.

Super Schauspiel von Claudia Kottal und Rainer Egger Foto: Screenshot

Superspannend ist an dieser Episode, dass es gleich doppelt drängt. Zum einen muss Dr. Buxbaum (Rainer Egger) wissen, welche Substanzen Lisa eingenommen hat, damit er ihr Leben retten kann. Zum anderen ist die neu eingeführte Silvia in Gefahr. Von der wissen aber nur wir und wir bangen und hoffen sofort, dass Meiberger schnell auch auf ihre Situation aufmerksam wird.

Der Weg zur Lösung ist dann aber weniger gut. Speziell Meiberger macht dabei Beobachtungen, die einfach nicht mehr nachvollziehbar sind. Die Fotos von den Jugendlichen enttarnen Lisas Ausnahmesituation und dass sie mit jemandem geheim schreibt. Ein paar weitere geniale Schlüsse, Zufälle und eine illegale Datenanzapfung führen zu einer Person, die sich im Umkreis der Schule aufhielt. Das ist ein wenig zu geradlinig, gibt uns aber auch diesen herrlichen Ganslinger-Moment:

Meiberger: Jetzt komm ma nicht mit den Richtlinien. Ich hab dich mit Vanillekrapfen bestochen.
Ganslinger: Krapfen als Komplizen. Servas. … Die sind gleich doppelt illegal. Der EU-Norm entsprechens der Größe nach nämlich auch nicht.

Einen ebenso illegalen Türaufbruch später ist das Medikament bekannt und die ganze Dramatik klar. Silvia kann gerade noch gerettet werden. Lisa geht es wieder gut und Patrick „verzeiht“ seinem Vater auch, dass der immer so dringend weg musste. Wir wissen, dass das ein Blödsinn ist, aber es ist trotzdem eine berührende und schöne Szene zwischen Vater und Sohn – vielleicht sogar die beste bisher. Aber noch ist nicht alles okay im Hause Meiberger.

Ganslinger schaltet schnell und rettet so Silvia das Leben Foto: Screenshot

Im Fall der Vergiftung Meibergers sind Nepo und Barbara einem gewissen Gernot Burkhard auf der Spur. Der angehende Chemiker hat sowohl das Know-how wie auch ein Motiv. Nachdem er für die Herstellung von Amphetaminen im Gefängnis saß – Meiberger war da irgendwie involviert, wie genau ist nicht wichtig – könnte er eventuell auf Rache aus sein. 

Die Mutter ist unbekannt verzogen – Kann das Hannah sein? Nein, die ist doch zu jung, oder? – und so machen sie sich auf die Suche nach dem Vater. Die Spur führt in eine Werkstatt in St. Gilgen, wo sich Nepo das erste Mal nicht besonders kompetent anstellt. Wenn der harte Kriminalbeamte auf harte Biker trifft, dann kann das schnell eskalieren. Alles gut, es handelt sich dabei um Barbaras Bruder, der dann doch noch weiß, wo der verschwundene Steiner verblieben ist.

Nette Hintergrundgeschichte zur Staatsanwältin übrigens. Barbara Simma ist uns bisher nicht nur als äußerst kompetent , sondern auch irgendwie „wild“ präsentiert worden. Da tänzelt Meiberger ein wenig am Rande des Klischees, aber dass sie sich auch in der Motorradszene auskennt, das passt zu ihrem Fahrstil und Musikgeschmack.

In der Hütte von Steiner erhalten sie dann zwei entscheidende Hinweise. Der eine ist, dass Steiner nicht der leibliche Vater des Verdächtigen Gernot Burkhard ist. Dessen Name ist Josef „Joschi“ Fink und er ist von Beruf Jäger. Zweitens ist Gernot verstorben. Im Gefängnis. Damit kommt er als Täter nicht mehr in Frage. Österreichische Bürokratie am Werk. Lückenlose Handydaten werden gespeichert, aber wo ein junger Häftling ist, wissen sie nicht. Da steckt wohl mehr Realität drin als uns allen lieb ist.

Und dann die Ouvertüre zum großen Finale. Am Anfang der Folge legt Hannah den Grundstein. Sie kommt und bringt Kuchen, wiegt Meiberger in Sicherheit und lädt ihn für den Abend zu sich zu Hause ein. Meiberger, der einen unterm Strich schrecklichen Tag hinter sich hat, will jetzt natürlich doch noch ein privates Happy End. Er wird auch flachgelegt, aber anders als erwartet und wir haben jetzt keinen Zweifel mehr: Hannah plant Böses.

Aber wer war dann die Person, die zeitgleich Karo und Nepo beobachtet, als die gerade die guten Nachrichten von Karos Schwangerschaft feiern? Und wie hängt das alles zusammen? Zum Glück müssen wir ja nicht lange warten, bis es weitergeht.

Wer beobachtet Karo und Nepo? Foto: Screenshot

Zwischenruf: Denkt denn keiner an die Kinder?

Bevor wir ins Finale gehen noch eine kleine Nebenbemerkung: „Meiberger“ (oder das Autorenduo) mag echt keine Kinder. Die schiere Liste an Gewalt gegen (und teilweise von) Kindern und Jugendlichen ist atemberaubend. 

  • Susi wird erschreckt, rutscht aus und wird dann noch lebend in Fluss „entsorgt“, wo sie stirbt – die Täter sind aus der gleichen Schule (Folge 4)
  • Patrick wird vergiftet (4-5)
  • Hannes wird vom eigenen Vater als Geisel genommen (5)
  • Lisa springt vom Dach (7)
  • Silvia ertränkt sich fast (7)
  • Patrick wird verletzt, gefesselt und fast verbrannt (8)

Dazu kommt noch die Vernachlässigung von Patrick durch seinen Vater, die der aber offenbar nicht so schlimm findet. Was Kinder auch noch miterleben müssen: Meiberger Sr. zeigt seinem Sohn, wie man sich den Daumen ausrenkt (8), Hannes’ Mutter wird angeschossen (5), der verdächtige Clemens wird ohne Anwesenheit von Erziehungsberechtigten von Meiberger mehr als grenzwertig „verhört“ (4), und, und, und. Aber vergessen wir auch nicht die passiv betroffenen Geschwister, davon gab es nämlich auch einige – genauso wie Klassenkollegen.

Das ist ganz schön viel. Lassen wir das einmal so stehen. Oder was denkt ihr? Braucht es diese Gewalt an jungen Menschen? Ist die besser oder schlechter, gehen wir da emotionaler mit?

Folge 8 – „Gefangen“

Hannah ist also irgendwie mit Gernot verwandt. Es wird lange nicht ausgesprochen, aber wir ahnen, dass sie nur die Mutter sein kann. Wenn man nachrechnet, geht sich das auch mit dem Alter von Hilde Dalik (Jg. 1978) gerade so aus, auch wenn sie wesentlich jünger wirkt.

Nepos Papawonne und die Babyflasche sind witzig und holen uns aus dem Horror, der Meiberger gerade widerfährt, sofort heraus. Dann wird es aber auch gleich wieder ein bissi merkwürdig. Nepo und Ganslinger durchsuchen das Haus ganz in der Nähe von Karos Zuhause und DER zentrale Hinweis auf den Wahnsinn der Eltern sind die dort aufgestellten und ziemlich winzigen Bärenfallen. Das fehlen meiner Meinung nach ein paar Schritte in Nepos Denkprozess.

Für solche Nebensächlichkeiten habe wir aber keine Zeit. Jetzt pressiert’s nämlich wirklich und alle Meibergers müssen in Sicherheit gebracht werden. Derweilen setzen Hannah und Joschi ihren perfiden, aber trotzdem perfekt durchgetakteten Plan in die Tat um. Vorerst vermeintlich mit Erfolg.

Was Barbara rettet wurde in der Folge zuvor etabliert: raufende Brüder! Die Serie hätte da wirklich etwas Ungewöhnliches geleistet, wäre eine der Hauptfiguren wirklich getötet worden. Die Staffel hat ja, wie mehrmals schon besprochen, etabliert, dass es aus dem Dreigespann Nepo, Ganslinger und Barbara nie mehr als zwei gebraucht hat und Aufträge für Meiberger auch woanders herkommen können (z.B. von einer Richterin).

Aber natürlich kommt es nicht soweit und auch Titelheld Meiberger überlebt am Ende logischerweise. Während er sich von Hannah foltern lässt, arbeitet Joschi (Rainer Wöss) weiterhin am Racheplan, den Meiberger mitansehen soll. Warum genau er zögert und so sehr unter dem Kommando von Hannah steht ist wohl die psychologische Krankheit der Woche. Die bleibt aber unerklärt. Hannah ist wohl eine meisterhafte Manipulatorin, aber wenn die beiden schon 22 Jahre + 9 Monate zusammen sind („unterbrochen“ durch die 10-jährige Ehe mit Steiner), dann ist diese Hörigkeit irgendwie unnötig. Da besteht eine Verbindung, die mit dem Tod des Kindes sicher nur vertieft wurde.

#Logikliebe

Nehmen wir uns auch kurz Zeit den Plan der beiden anzuerkennen. Da stimmt alles. Die Bösen unterliegen auch nicht dem Drehbuchsyndrom, dem Opfer alles erklären zu müssen, wobei nur Zeit verschwendet wird und die Rettung in letzter Sekunde möglich ist. Hannah hat die Zeit, weil Joschi nicht an zwei Orten zu gleich sein kann. Der einzige „Fehler“ wenn man so will ist, dass sie die möglichst grausamste Variante wählen, um Karo, Patrick und Nepo umzubringen. Verbrennen ist schmerzhafter und länger als ein gezielter Blattschuss oder Kehlenschnitt vom geübten Jäger – schrecklich, macht aber total Sinn.

So ein guter Plan, da muss man einfach hinschauen. Foto: Screenshot

Auch die Rettungen sind exzellent und absolut logisch. Barbaras ist vielleicht noch die schwächste davon, aber Ganslinger hätte sie auch noch wiederbeleben können. Passt also. Glaubhaft ist auch, dass ein Kriminalbeamter einen Zweitschlüssel für seine Handschellen im Auto hat. Und zwar an einer Stelle wo er schnell hinkommt, der Festgenommene auf der Rückbank aber nicht. 

Drittens pflanzt Meibergers Vater (gespielt von Fritz Karls Sohn Aaron) dem Junior bereits in jungen Jahren eine Möglichkeit ins Hirn, sich aus Handschellen zu befreien. Brutal, und wir könnten es vielleicht nicht, aber absolut logisch in der Zauberer-Welt von „Meiberger“. Mein Problem liegt woanders.

Rückblenden sind ein probates Mittel und können, vorausgesetzt sie werden richtig verwendet, eine Serie ungemein bereichern. Das war hier der Fall. Aber trotzdem müssen wir uns fragen, warum das so plakativ daneben und nur in der letzten Folge passiert und der Vater/die Rückblenden nicht konstant eingesetzt wurden? So hätte Meibergers Vergangenheit und das Training mit dem Papa immer wieder eine Möglichkeit sein können, eine Idee oder gar die Lösung für das aktuelle Problem zu finden. Genau so, wie das in der letzten Folge passiert ist.

Stattdessen haben wir aber den so gut wie nie hilfreichen Giovanni bekommen. Noch einmal: Otto Schenk ist super. Aber Giovanni ist es nicht. Der ist ganz und gar überflüssig und dessen Rolle hätte der Vater einnehmen können – in Rückblenden oder auch noch lebend.

#Ganslingerliebe

Fast noch mehr als Logik mag ich übrigens Ganslinger. Ich lag wirklich nicht daneben, als ich ihn in der Kritik zu Folge 1 als zukünftigen Publikumsliebling anpries. Ich hätte auch mit einem totalen Deppen, einem Comic Relief, meinen Spaß gehabt, aber die dramaturgische Entwicklung von Kevin Ganslinger macht mir noch mehr Freude.

Genauso wie das tote Mädchen in „Geister“ beschäftigt ihn auch sein erster Schusswaffeneinsatz. Der Polizeidienst ist eben nicht wie im Actionfilm. Auch wenn Joschi überlebt hat, so hat das Ganslinger merklich verändert. Als er dann am Ende aber doch in eine Schaumrolle beißt, hat die Staffel für ihn aber ein positives Ende.

Apropos positives Ende. Da ergeht gleich das nächste Lob an die Autoren. Für den Fall, dass man sich bei ServusTV nicht zu einer Fortsetzung durchringen kann, ist „Gefangen“ auch noch ein mehr als brauchbarer Serienabschluss. Nepo und Karo sind glücklich verheiratet, Meiberger und Barbara sind zusammen und alle sind wieder gesund und gehen gestärkt aus den Abenteuern der vergangen acht Folgen hervor. Ein spektakulärer Zaubertrick – der ebenfalls schon im Laufe der Folge dramaturgisch vorbereitet wurde – und eine wunderschöne optische Inszenierung im Abendlicht. Was wollen wir mehr?

Menschen Leben Tanzen Welt Foto: Screenshot

Trotzdem bleibt genug potenzielles Drama für eine weitere Staffel übrig. Auch wenn wir bis dahin durch die eine oder andere schwache Folge durchmussten, am Ende hat es sich mehr als gelohnt dranzubleiben. Das war ein Finale ganz nahe an der Perfektion.

Lists Liste

  • Man muss festhalten, dass zwischen erster und zweiter Staffelhälfte ein ziemlicher Qualitätsunterschied festzumachen ist. Wurde da nachjustiert? Oder ist Soleen Yusef einfach die viel bessere Regisseurin? Spekulation ist wohl überflüssig und in meinem persönlichen Episodenranking ist eine Folge aus der ersten Hälfte auf Platz 2.
    1. 1×08 „Gefangen“ – 10/10
    2. 1×04 „Geister“ – 9/10
    3. 1×07 „Tödliche Gedanken“ – 9/10
    4. 1×06 „Paranoia“ – 8/10
    5. 1×01 „Schlafwandeln“ – 6/10
    6. 1×02 „Absturz“ – 6/10
    7. 1×05 „Ausweglos“ – 5/10
    8. 1×03 „Die dunkle Seite“ – 4/10
  • Alle Folgen können auf der Website von ServusTV nachgesehen werden.
  • Zeugwetters Tod in „Paranoia“ war also wirklich nur ein Unfall. Mit Claudia Kottal in „Tödliche Gedanken“ ist nach Cornelia Ivancan und Kristina Bangert jetzt schon die dritte Hauptdarstellerin aus „CopStories“ in einer Episodenrolle zu sehen gewesen. Wir freuen uns natürlich, dass diese talentierten Schauspielerinnen auch der ORF-Konkurrenz in Salzburg nicht entgangen sind.
  • Lobende Erwähnung auch für Rainer Egger, der in der wiederkehrenden Rolle als Dr. Buxbaum auch in der 7. Folge einen einen tollen Job macht. Ich hätte mir aber gewünscht, dass das Drehbuch ihm etwas mehr Kohärenz zugestanden hätte. Bei seinen ersten zwei Auftritten war er noch ein Zyniker, der mit staubtrockenem (und teilweise unethischem) Ärztehumor ein echter Charakter war. Irgendwo ging das aber verloren und Dr. Buxbaum war dann „nur“ mehr Arzt.
  • Raufende Brüder? Wer denkt da nicht an die Eriksens aus „How I Met Your Mother“. Beide Daumen würd ich mir ausrenken für eine solche Szene mit Ulrike C. Tscharre und drei Bikerbrüdern.
  • OK, Damian Lewis war auch diesmal nicht dabei. Aber es glaubt doch wirklich keiner, dass die Hochzeitstorte nicht von der k.u.k Konditorei Ganslinger hergestellt worden wäre. Noch eine Gelegenheit verschenkt, die Eltern zu zeigen. Und wo ist die Freundin aus „Absturz“ abgeblieben?
  • Es fällt nur auf, wenn man sehr genau hinschaut. Auf dem Formular der Erkennungsdienstlichen Behandlung ist klar zu sehen, dass der Name Josef Fink als Vater vermerkt ist. Das Dokument wird dann von Barbara fotografiert, an Nepo gesendet und der hat die Akte auch sichtbar neben sich im Auto liegen, als er zur Werkstatt fährt. Da waren Nepo und Barbara schlampig oder die Ausstatter zu gut für das Drehbuch.
Foto: Screenshot

Das war’s mit den Besprechungen von „Meiberger – Im Kopf des Täters“. Danke für’s mitlesen. Nächste Woche bringen wir noch eine größere Besprechung der ganzen Staffel als Podcast. 

Besonders freuen wir uns, wenn Sie uns auch Ihre Meinung zur Staffel, zum Finale oder zum Projekt Meiberger allgemein mitteilen. Auch Feedback aller Art, Korrekturen oder sonstige Nachrichten nehmen wir gerne an. Am Besten gleich hier als Kommentar. Alle anderen Möglichkeiten mit uns in Kontakt zu treten finden sie auf dieser Seite zusammengefasst.

Bilder: ServusTV/Mona Film & Screenshots

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