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Die einzig wahren Schattennominierungen zum Österreichischen Filmpreis 2019

Der Sinn von Filmpreisen ist nicht immer ganz klar, aber es macht jedenfalls Spaß leidenschaftlich zu diskutieren, wer denn jetzt welche Nominierung und welchen Preis genau verdient hat oder nicht. Wir machen da gerne mit und laden ein, euch daran zu beteiligen.

Kleiner Einschub bezüglich Transparenz. Im Team haben wir alle bis auf zwei eingereichte Spielfilme gesehen. Weil wir uns hier bei Bruttofilmlandsprodukt bisher eher auf Fiktion in Film und Serie spezialisiert haben, lassen wir Kurz- und Dokumentarfilm aus. Wir geben uns aber große Mühe, die nächstes Jahr auch angemessen zu berücksichtigen.

Zweitens lassen wir die eher technischen Nebenkategorien aus. Nicht weil wir sie persönlich geringschätzen, aber weil es da einfach keinen fachlichen Bezug unsererseits gibt. Und man muss leider auch realistisch sein: Die interessieren in der Breite niemanden. Klingt hart, ist aber bei den meisten anderen Filmpreisen auch so. Mainstream-Medien berichten darüber auch kaum und speziell bei den etablierten Award-Shows gibt es immer wieder die Debatte, dass die technischen Kategorien schlecht für die Einschaltquoten sind und damit auch für die öffentliche Wirkung deS Events. Dabei geht es immer und in erster Linie darum, den Film zu promoten.
Du siehst das anders? Widerspruch bitte gerne als Kommentar posten!

Bestes Drehbuch

Offiziell nominiert sind:

  • Angelo
  • Murer – Anatomie eines Prozesses
  • Styx

„Murer“ ist auch bei uns dabei und sicher der absolute Favorit. Mit „Angelo“ hatten wir massive Probleme und „Styx“ ist zwar ein super Film geworden, aber zu lesen war immer wieder, dass das Buch während der Dreharbeiten ständig umgeschrieben werden musste. Inwieweit ist die kreative Eigenleistung noch vorhanden, wenn Wetter und Drehumstände ständig mitschreiben? Ähnliches gilt für einen unserer sentimentalen Favoriten: „Ciao Chérie“. Regisseurin Nina Kusturica hat im Talk mit dem Drehbuchforum davon gesprochen, dass ihr Drehbuch eigentlich aus einer Schachtel Post-its bestanden hat.

„Cops“ hingegen hat bis auf das Ende eigentlich keine großen Schwächen und von uns auch gute Punkte bekommen – mehr dazu in unserem Podcast. Als dritten Film sehen wir, nachdem wie erwähnt „Styx“ und „Ciao Chérie“ für uns rausfallen, dann eventuell „Erik & Erika“ dabei. Ein solides Biopic, wo auch kaum was falsch läuft, das aber möglicherweise zu „brav“ daherkommt und eine spannende Geschichte unterhaltsam erzählen wollte. Ist im österreichischen Film selten und alleine daher vielleicht schon erwähnenswert.

Damit stehen unsere Nominierungen fest.

  1. Murer – Anatomie eines Prozesses
    • Cops
    • Erik & Erika

Beste weibliche Nebenrolle

Offiziell nominiert sind:

  • Regina Fritsch für Der Trafikant
  • Maria Hofstätter für Cops
  • Inge Maux für Murer – Anatomie eines Prozesses

Da gibt es wenig zu beeinspruchen. Wir würden aber Regina Fritsch umtauschen gegen sich selbst in „Zauberer“, wo sie einer der ganz wenigen Lichtblicke war. Im Podcast haben wir an dem Film kein gutes Haar gelassen, aber ihre Darstellung einer fast bedauernswerten Existenz, die sich Liebe von einem entführten Kind erhofft, hat uns beeindruckt. Maria Hofstätter spielte ihren sehr kleinen Part in „Cops“ (gewohnt) grandios und der hat auch wirklich eine immense Funktion für den Hauptcharakter. Aber reicht das alleine quantitativ für eine Nominierung?

Wir sagen nein. Wir wollen dafür Simonida Selimovic auszeichnen. Allerdings haben wir auch wieder das Problem, dass sie gleich für zwei Filme – „Ciao Chérie“ und „Zerschlag mein Herz“ – in Frage kommt. In ersterem ist sie allerdings der Kitt, der den Film zusammenhält. Und weil Inge Maux wirklich, wirklich fantastisch war – und aus einen Ensemble mit vielen Ausnahmedarstellern noch heraussticht – ist das eine ganz enge Kategorie.

Unsere Liste sieht also so aus:

  1. Simonida Selimovic für Ciao Chérie
    • Regina Fritsch für Zauberer
    • Inge Maux für Murer – Anatomie eines Prozesses

Beste männliche Nebenrolle

Offiziell nominiert sind:

  • Johannes Krisch für Der Trafikant
  • Gerhard Liebmann für Murer – Anatomie eines Prozesses
  • Anton Noori für Cops

Ebenfalls eine solide Auswahl der Akademie. Wir glauben aber, dass Lukas Miko es verdient hätte, seinen Titel zu verteidigen und im zweiten Jahr in Folge zu gewinnen. Als Kaiser hat er uns in Angelo beeindruckt, war ein Lichtblick und ein Genuss zum Zuschauen, in diesem furchtbaren Film. Gerhard Liebmann sehen wir nur auf Platz 5 hinter Lukas Watzl, der sich ebenfalls doppelt einer Nominierung verdächtig gemacht hat („Cops“, „Zauberer“). Johannes Krisch hat es dank seiner Performance geschafft, aus einem mittelmäßigen Film herauszustechen. Anton Noori war der perfekte „Bulle“ und Alpha-Polizist und überzeugte – so wie viele im Cast – durch sein extrem körperliches Spiel. Da war sicher viel Vorbereitung nötig und das möchten wir auch honorieren. Es muss nicht immer jeder den exakt gleichen Typ spielen, egal welche Rolle man hat – ihr wisst, wen wir meinen!

  1. Lukas Miko für Angelo
    • Johannes Krisch für Der Trafikant
    • Anton Noori für Cops

Beste weibliche Hauptrolle

Offiziell nominiert sind:

  • Ingrid Burkhard für Die Einsiedler
  • Birgit Minichmayr für 3 Tage in Quiberon
  • Sophie Stockinger für L’Animale

Problem: „Die Einsiedler“ ist der einzige relevante Film, den wir nicht gesehen haben (der andere ist „Ugly“). Wir lieben und verehren aber Ingrid Burkhard (Wer nicht?) und nominieren sie deshalb auch. An Birgit Minichmayr führt sowieso kein Weg vorbei. Sie war – gemeinsam mit Charly Hübner – die perfekte Ergänzung zu Marie Bäumers Romy Schneider. Genau diese Hilfsleistung soll eine Nebendarstellerin leisten. Sophie Stockinger burschikost sich durch „L’Animale“, hatte aber weder große Gefühle noch Anstrengendes zu spielen. Das war Ok, hat uns aber nicht wirklich überzeugt – so wie der Film insgesamt einfach nicht. Stattdessen würden wir Aglaia Szyszkowitz aus dem überhaupt völlig gesnubbten „Die Wunderübung“ von Michael Kreihsl vorne mit dabei sehen. Bei dem 3-Personen-Stück kommt den Schauspielern eine enorme Verantwortung zu, um uns 90 Minuten bei der Stange zu halten. Das ist Szyskowitz gelungen.

  1. Birgit Minichmayr für 3 Tage in Quiberon
    • Ingrid Burkhard für Die Einsiedler
    • Aglaia Szyszkowitz für Die Wunderübung
Leading Ladies: Szyszkowitz, Minichmayr, Burkhard
Fotos: Filmladen, Film Delights

Beste männliche Hauptrolle

Offiziell nominiert sind:

  • Karl Fischer für Murer – Anatomie eines Prozesses
  • Markus Freistätter für Erik & Erika
  • Andreas Lust für Die Einsiedler
  • Laurence Rupp für Cops

Für Andreas Lust gilt natürlich das Gleiche wie für Ingrid Burkhard, aber weil der schon einmal gewonnen hat und es wirklich sehr viele Kandidaten gibt, lassen wir ihn weg. Karl Fischer war zwar eh okay in der Titelrolle, aber eigentlich saß er nur sehr viel im Saal, während die anderen um ihn herum spielten. Das was er zu tun hatte erledigte er superb und war eine wichtige Unterstützung für die Geschichte und das Ensemble – also ein Nebendarsteller. Die Nominierung, und eigentlich auch der Preis, hat sich jemand anderes aus dem „Murer“-Cast verdient: Alexander E. Fennon. Als Verteidiger Murers hat er nicht nur den größten Redeanteil im Film, sondern ist auch der Charakter, der den Film trägt sowie Fokuspunkt für alle anderen Figuren.

Markus Freistätter, der die schwierige „Doppelrolle“ als Erik/Erika Schinegger ohne Probleme meistert, und Laurence Rupp stehen ebenfalls auf unserer Liste, letzteren streichen wir aber für den unfassbaren Devid Striewsow, für den das gleiche gilt wie für seine Filmpartnerin zuvor. Es hat auch schon seinen Grund, dass Performances in Theaterverfilmungen oft für Preise gut sind.
Das ist echt eine harte Kategorie in diesem Jahr.

  1. Alexander E. Fennon für Murer – Anatomie eines Prozesses
    • Markus Freistätter für Erik & Erika
    • Devid Striewsow für Die Wunderübung

Beste Regie

  • Wolfgang Fischer für Styx
  • Christian Frosch für Murer – Anatomie eines Prozesses
  • Markus Schleinzer für Angelo

Da können wir „Styx“ jetzt mit besten Gewissen mitmachen und auch gewinnen lassen. So als Ausgleich dafür, dass der Film nicht als Bester Spielfilm nominiert werden konnte. Aus den Widrigkeiten beim Dreh wird jetzt ein Asset, weil Wolfgang Fischer es trotz aller Probleme geschafft hat einen fantastischen Film abzuliefern. Markus Schleinzer hat vielleicht große Kunst produziert, aber eigentlich nur beim Casting. Ihn tauschen wir mit – erraten! – Nina Kusturica, die mit dem 15tel des Budgets von „Angelo“ einen 20x bedeutsameren Film gemacht hat, in 20 Sprachen und mit 20 unbekannten aber wirklich guten Darsteller:nnen.

  1. Wolfgang Fischer für Styx
    • Nina Kusturica für Ciao Chérie
    • Christian Frosch für Murer – Anatomie eines Prozesses

Bester Spielfilm

  • Angelo
  • L’Animale
  • Murer – Anatomie eines Prozesses

Da gibt es jetzt von unserer Seite keine Überraschungen mehr. „Murer“ muss und wird gewinnen, in echt, wie auch in unserer alternativen Wunschliste. Ohne „Styx“ geht der dritte Slot neben „Ciao Chérie“ an „Cops“. So einfach ist das.

  1. Murer – Anatomie eines Prozesses
    • Ciao Chérie
    • Cops

Es war ein verdammt gutes Filmjahr mit vielen hervorragenden Leistungen. Solche Preise sind immer auch irgendwie politisch oder nicht unabhängig von sozialen Geflechten zwischen den Filmemacher:nnen. Das ist beim österreichischen Filmpreis nicht anders als bei den Oscars und deswegen gewinnt halt nicht immer der/die wirklich „beste“ Film/Person.

So und jetzt seid ihr dran. Welche Filme und welche Darstellungen haben euch überzeugt? Wo liegt die „Akademie“ daneben oder wir? Hinterlasst uns gleich einen Kommentar, folgt und und kommentiert auf unseren Social Media-Kanälen oder schickt uns eine Nachricht.

Links & Anmerkungen

Beitragsbild: Statuette von Valie Export/AdöF

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