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Vorschau: M – Eine Stadt sucht einen Mörder

„M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ ist zweifelsfrei das größte österreichische Serienevent des Jahres. Bevor es mit unseren Episodenkritiken los geht hier ein erster Eindruck – natürlich spoilerfrei

David Schalko, internationale Koproduktion, erster TVNow-Exklusiv-Titel, und nebenbei auch noch „Remake“ eines ganz, ganz großen Filmklassikers. Hätte sich Schalko größere Fußstapfen suchen können? Waren die Erwartungen einer österreichischen Serie je so groß? Dabei kann einem der Hype doch auch so schnell die Stimmung vermiesen. Umso schöner vermelden zu dürfen, dass „M“ unserem eigenen Hype gerecht wird. Zumindest, was wir bislang sehen konnten – und das war die ersten beiden der insgesamt 6 Folgen.

Und darum geht‘s

Eine 7-Jährige ist spurlos verschwunden, und gleich zu Beginn der Serie verschwindet auch die kleine Elsie. Ihre zerstrittenen Eltern (Verena Altenberger und Lars Eidinger) suchen vergeblich nach ihr, und die gemeinsame Verzweiflung bringt die beiden wieder näher – oder auch nicht. Die Polizei geht längst davon aus, dass Elsie tot ist – und naja, der Titel der Serie lässt vermuten, dass die Chance tatsächlich gering ist, dass wir sie wieder lachend in ihrem roten Winterpulli wiederfinden. Und sie bleibt nicht das einzige Kind, das verschwindet.

Dumm nur, dass die Polizei völlig im Dunkeln tappt und bereits politischen Druck von ganz oben erfährt, den Mörder zu schnappen. Die Presse stürzt sich begierig auf den Stoff, die Bevölkerung ergibt sich der fabrizierten Hysterie und selbst die Unterwelt nimmt an der Suche nach dem Mörder teil, weil sie die vielen Razzien der Polizei leid sind – und weil die Gangster ungern mit Kindermördern in den selben Topf geworfen. Auch eine Reihe weiterer, seltsamer, zum Teil ganz schön grotesker Figuren wühlt die Mordserie auf. Manche lässt das neue Empathie entdecken, während hingegen Politiker, Lobbyisten und Stimmungsmacher nicht umhin kommen, aus der ganzen Hysterie Profit schlagen zu wollen.

Foto: ORF/Superfilm/Klaus Pichler

Man braucht den Originalfilm aus 1931 natürlich nicht gesehen zu haben, um das Remake zu verstehen. Im Gegenteil, wer den Klassiker kennt (oder auch einfach nur im Abspann mitliest) weiß ja schon längst, wer der Mörder ist – was schade ist, wo sich doch vor allem Teil II solch Mühe gibt, dem Publikum eine Vielzahl an Verdächtigen zu präsentieren. Wer aber Fritz Langs Meisterwerk kennt, wird Spaß am Unterschiede-Erkennen haben und darf auf Partys damit neunmalklug angeben. (Und wer zu faul ist, sich ihn anzusehen, oder nicht weiß, wo man ihn finden kann: In unserem Podcast haben wir das Original auch besprochen.)

Nein, das Remake macht durch die Rekontextualisierung seiner Prämisse eine gänzlich neue Bedeutungsebene auf. Spannend zu sehen, was sich alles geändert hat. Aber noch interessanter, was von damals bis heute gleich geblieben ist. Die Angst um die Zukunft unserer Kinder, die Mobmentalität, der Voyeurismus der Meute, die Suche nach Feindbildern und die Kapitalisierung des Leids hat das Remake beibehalten, ihnen jedoch einfach durch unsere Gegenwart einen völlig neuen Anstrich gegeben. Das liegt natürlich in der Natur der Thematik des Films, macht „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ dadurch aber auch zum perfekten Film für ein Remake.

Überall und nirgendwo

Noch ein Grund, warum „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ der perfekte Schalko-Stoff ist: Es gibt keine zentrale Hauptfigur. Während Schalkos bisherige Ensembleserien durchaus eine Hierarchie in der Riege der Figuren erkennen ließ, ist es in „M“ die ganze Stadt, die die Rolle des Protagonisten einnimmt. Wie auch schon im Original ist das einerseits spannend und sorgt dafür, dass die Miniserie ein regelrechtes Kaleidoskop der Stadt und ihren Emotionen darstellt. Andererseits macht es das schwieriger, die Motivationen und vor allem die Emotionen der Figuren nachzuempfinden. Die für Schalko nicht ganz unübliche kühle Distanz ist hier daher stärker als nie. Während Teil 1 uns noch nah an Elsies Eltern heranlässt, macht sich diese Distanz dann allerdings vor allem in der 2. Folge bemerkbar.

Foto: ORF/Superfilm/Klaus Pichler

Distanz sorgt auch, dass in „M“ einzig die Kinder Namen besitzen – ebenfalls wie schon in der Vorlage. Autoren David Schalko und Evi Romen entführen uns in eine desolate Winterlandschaft einer namenlosen Stadt voller namenloser Bewohner, die einen Mann ohne Gesicht jagen und der nur auf einen Buchstaben hört. Das funktioniert über weite Teile ohne große Verständnisschwierigkeiten, nur gelegentlich wird‘s kompliziert und in den Dialogen auch ganz schön unauthentisch. Das kann man jetzt natürlich auch bewusst wohlwollend interpretieren – das steigert artifiziell die Distanz zu den Figuren.

Die Serie erzeugt mit ihrer Armee der Namenlosen einerseits Allgemeingültigkeit – wir sind alle diese Figuren und doch niemand von ihnen. Gleichzeitig siedeln die Autoren die Serie aber auch eindeutig in Wien an, benützt eindeutige Pendants zu real existierenden Medienunternehmen und spricht die tagesaktuellen politischen Themen anno 2019 an. „M“ ist zeitlos und höchstaktuell gleichzeitig, vielleicht sogar noch mehr als das Vorbild – besser geht‘s nicht.

Ein Kunstwerk

Schalkos letzte Miniserie, „Altes Geld“, kam nicht so gut an wie „Braunschlag“, aber in einem waren sich alle einig: Die Serie war wunderschön. Das darf man zum Glück auch von seinem neuesten Projekt sagen: Man kann die Momente, die man einfrieren und sich als Gemälde an die Wand hängen will, gar nicht alle zählen. Die Pressebilder fangen das leider gar nicht gut genug ein, aber „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ ist ein Augenschmaus. Es hat sich gelohnt, dass tonnenweise Schnee nach Wien gekarrt wurde, weil der Winter 2018 zu warm war – dieses Wien ist eine dunkle, beklommene Stadt, in der die weiße Pracht nur die Abgründe, Ängste und Befürchtungen der Bewohner temporär verbirgt.

Foto: ORF/Superfilm

Gleichzeitig ist die kühle Ästhetik aber auch ein Indiz dafür, dass die Serie schlussendlich ein Kunstwerk ist. Das machen auch die hübschen, aber schon auch prätentiösen Metaphern wie zerbrechende Schneekugeln deutlich. Dennoch ist die Neufassung von „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ gute Unterhaltung, aber auf die Art, wie es etwa auch ein Museumsbesuch ist – intellektuell, thematisch dicht und voller großer Kunst, aber auch ohne große Adrenalinkicks. Das will die Serie auch nicht liefern, sondern ist bewusst nicht für jedermann. Aber wer sich darauf einlässt wird darin endlos Gesprächsstoff finden.

Ausstrahlungstermine

  • Sonntag, 17.2., 20:15 Uhr, ORFeins: Teil I + II
  • Mittwoch, 20.2., 20:15 Uhr, ORFeins: Teil III + IV
  • Freitag, 22.2., 20:15 Uhr, ORFeins: Teil V + VI

Unsere Kritiken erscheinen jeweils direkt nach den Doppelfolgen.

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