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Kritik: Walking on Sunshine 1×01 & 1×02

Charmante Dramedy in der ORF-Wetterredaktion, deren Protagonisten außerhalb mit ganz schön großen Stories konfrontiert werden.

Zuerst weiß die Serie noch nicht wirklich, was sie sein will und wo ihre Vorbilder liegen. In der Sorkin-esquen Eröffnungsszene erfahren wir ziemlich viel, aber leider nur über die eine Figur, die nach der Titelsequenz nicht mehr da sein wird. Danach wird ein großes Geheimnis um eine zufällige Erbschaft eingeführt, die wohl eine der Hauptfiguren bald wie der Blitz treffen wird.

Das ist wunderschön inszeniert und erinnert nicht nur ein wenig an Bryan Fullers „Pushing Daisies“. Barbara Kaudelkas angenehme Stimme erzählt uns aber nur was, das wir sowieso im Bild sehen. Danach spielen Robert Palfrader und Sophie Stockinger zum ersten. aber leider nicht zum letzten Mal Expositionspingpong. Otto Czerny-Hohenburg ist ein abgehalfterter ZiB-Moderator, offensichtlich bereit wieder in den Beruf zurückzukehren. Man braucht nicht dreimal raten, wo er dann landen wird.

k.u.k.-Moderator

Der egozentrische Otto lässt sich dann erst dazu herab den Wetter-Job anzunehmen, als ihm die Tochter die finanzielle Realität erklärt. Was Palfrader aber richtig gut rüberbringt ist das einzig wahre Motiv Ottos: sein Narzissmus. Der Altstar wird nirgendwo mehr erkannt und das kränkt ihn sehr. Und kurz bevor er wieder auf Sendung geht, gibt ihm die Kollegin von der Maske noch den letzen Tritt mit, woraufhin er die Notizen weglegt und wenn auch nur für eine ganz kurze Zeit wieder das Zentrum der Aufmerksamkeit von hunderttausenden Haushalten im Land ist. Da gehört er (seiner Meinung nach) hin.

Gefeuert wurde er ursprünglich übrigens, weil er live auf Sendung – betrunken – die Wiedervereinigung von Österreich und Ungarn verkündete. Alleine die Vorstellung lässt uns schmunzeln und wir fragen uns, warum wir das nicht als Eröffnungsszene gesehen haben. (Was übrigens auch direkt aus dem Serien-Lehrbuch von Aaron Sorkin gewesen wäre). Schade um die Gelegenheit.

Dann beginnt die Serie das erste Mal mühsam zu werden. Wir lernen Conny (Selina Graf) als jemanden kennen, der wirklich so dumm ist, in einem Drehkreuz stecken zu bleiben. Der Witz zündet nicht, aber Conny nimmt daraus die letztendlich tödliche Erkenntnis mit, sich ab sofort weder von Straßensperren noch Fahrradfahrern aufhalten zu lassen.

Lukas’ (Aaron Karl) Kündigung und Doch-nicht-Kündigung hat es auch nicht gebraucht. Nehmen wir ihm außerdem ab, so ein eiskalter Erpresser zu sein? Das magische Wort „Sophie“ hätte doch reichen müssen, um ihn da auf den Hochkogel raufzujagen.

Raumschiff gebraucht

Frage: Warum braucht es unbedingt diesen Live-Einstieg? Und warum ist Tilia Konstantin (Proschat Madani) bereit, ihn dafür sogar wieder einzustellen? Und warum ist dem vermutlich meteorologisch sehr kompetenten Lukas genau DIESER Job so wichtig? Diese doppelte künstliche Dringlichkeit geht nicht auf. Als sich dann auch noch Conny mit fadenscheinigen Argumenten auf den Weg macht, ist die Ver(w)irrung komplett. Da fehlt es der Serie an Profil und der Straßenarbeiter bringt mein wurschtiges Schulterzucken auf den Bildschirm: „Dann gibt’s (halt) keine Sendung.“

Ein relativ unnötiger Umweg und eine herausgebrochene und von Lukas MacGyver reparierte Sicherung schinden hauptsächlich Zeit, auch wenn die Diskussion mit dem Kollegen im Kontrollraum (Max Meyr) richtig lustig ist. Aber alles geht gut.

Gerade noch die den Live-Einstieg geschafft: Lukas (Aaron Karl), Conny (Selina Graf, hinten) und Sophie (Miriam Fussenegger) Foto: ORF/Hubert Mican

Verwöhnt wie wir sind von „CopStories“ mutet das frühe Schlussmontagerl der ersten Folge direkt zahm an. Wieder unter der Stimme von Barbara Kaudelka wird Ottos erste Sendung gefeiert. Dass er den Sekt wegstellt freut uns und auch Sophie (Miriam Fussenegger) „bedankt“ sich anständig bei Conny.

Danach bringt die Serie gleich drei Hammer von Cliffhangern zum Vorschein. Connys Fahrerflucht hatte tödliche Folgen, Tilias Diplom ist gefälscht und Lukas hat geerbt. Und wer beobachtet Lukas, als er sich das Haus anschaut?

Da macht die Serie ganz schön viel auf und zum Glück geht es ja gleich weiter.

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Fuller – Sorkin 1:0

Das Referenzduell der Seriengiganten hat in der Eröffnung von Folge 2 einen klaren Sieger. Der Auftakt gelingt diesmal um vieles besser als in der ersten Folge und charakterisiert die neue Figur Jana (Tanja Raunig) sofort und auf grandiose Weise. Bryan Fuller wäre stolz.

Bevor wir Jana aber etwas besser kennenlernen dürfen, wird der Tag zuvor noch abgeschlossen. Nach der Konfrontation mit der Journalistin Pichler (Stefanie Dvorak) flüchtet sich Tilia nach Hause zu ihrem Mann Karl. Der ist erstens Vorstand eines großen Energieunternehmens, zweitens im Begriff, in einer großen politischen Causa vor einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss auszusagen, und drittens der Bruder von Otto. 

Das ist ein ganz schöner Haufen an Infos, die wir und die Serie da jetzt verarbeiten müssen. Doch ist die Journalistin wirklich, wer sie vorgibt zu sein? Oder ist sie nur die Erfüllungsgehilfin von jemand anderem? Selbst etwas ratlos erklären uns Tilia und Karl im Park immerhin die Möglichkeiten.

In der Wetterredaktion ist Jana ein echter Gewinn für das Team sowie Tanja Raunig für das Ensemble. Sie ist kein echter Konfliktbringer, sondern ganz im Gegenteil als Fan von Otto ein stabilisierender Faktor für seine Figur. Für Lukas ist sie ein zusätzlicher Love Interest, was in einer zuckersüßen Szene unterm Moderationstisch kumuliert. Mit Sophie und den anderen Redakteuren scheint es auch keine Probleme zu geben.

Jana (Raunig) und Otto (Palfrader) verstehen sich blendend Foto: ORF/Hubert Mican

Lukas nimmt sein Millionenerbe relativ stoisch hin, stellt aber Nachforschungen an, warum ausgerechnet er zu der Ehre kam. Weder die Mama (Birgit Linauer), noch die Pflegerin der verstorbene Dame (Margarethe Tiesel), wissen weiter. Dass er am Ende eine buchstäbliche Leiche im Keller hat, macht die Serie jetzt noch breiter.

Nachdem Conny ihrer gerechten Strafe vielleicht doch nicht entkommt, gibt es mit dem Toten in der Mauer noch einen potenziellen Kriminalfall. Mal schauen, wie weit die Serie da jetzt wieder in bekannte Krimi-Gewässer zurückdrängt. Insgesamt gibt es jetzt so viele große Plots, dass die eigentliche Stärke der Serie zu ersticken droht: die Wetterredaktion.

Das Auge des Sturms

Bereits in der zweiten Folge wirkt diese Pseudodringlichkeit, dass die Sendung erst in letzter Sekunde fertig wird, irgendwie abgelutscht. Da braucht es ganz dringend neue Ideen. Autor Mischa Zickler beweist gerade in der Redaktionssitzung, dass er tolle Szenen schreiben kann. Da braucht es mehr davon.

Es wäre genug Stoff da, um mehr Zeit im Sender zu verbringen. Tilias und Ottos Vergangenheit – die beiden hatten wohl eine Affäre – sowie Tilias Pläne, eventuell Generaldirektorin anstelle des Generaldirektors (Martin Zauner) werden zu wollen. Das Liebesdreieck um Sophie, Lukas und Jana und die bunt angezogenen, aber hauptsächlich im Hintergrund agierenden Redakteure Nicky und Johannes (Alev Irmak und Georg Rauber) könnten ebenso wie der neue/alte Wolfgang (C.C. Weinberger) mehr eingebunden werden.

Bringen Farbe in die der Serie: Alev Irmak, C.C. Weinberger, und Georg Rauber als Wetter-Redakteure Foto: ORF/Hubert Mican

Connys Beziehung zu ihrer Mutter wurde in Folge 1 in einem Dialog auserzählt. Schade, aber sie hat immer noch großes antagonistisches Potenzial, das sich hoffentlich bald entfaltet. Es ist nämlich einfach zu ruhig in der Redaktion, während es draußen so richtig abgeht. Sozusagen das Auge des Sturms.

Insgesamt eine charmante Serie, für deren Gesamtbeurteilung es natürlich noch viel zu früh ist. Es sind genug große Handlungsstränge offen und das sollte wirklich für jeden was dabei sein. Natürlich ist die Serie nicht ohne Probleme, aber nichts was sich in den folgenden acht Episoden noch ausbügeln ließe.
Wir freuen uns auf eure Kommentare.

Lists Bonus Liste

  • Beitragsbild: ORF/Hubert Mican
  • Was Hannes in seiner Vorschau schon erwähnt hat, hab ich jetzt nicht noch einmal extra ausgeführt. Zwei Anmerkungen möchte ich aber trotzdem kurz wiederholen: 
    • Jana und Conny sind beide Varianten des „hässlichen Entleins“ und (noch) die interessantesten Figuren
    • Der eine oder andere Satz wirkt platt, künstlerisch bis zu poliert. Beispiel: „Außerdem sagten Sie doch 24 Stunden.“ – „Bei mir ticken die Uhren eben anders.“
  • Pink 4, HalloTV, MorgenExpress – die österreichische Medienlandschaft abseits des ORF ist auch irgendwie vertreten.
  • Alles wird gut“. Der Verabschiedungssatz von Otto Czerny-Hohenburg hat noch nicht ganz die Legendenqualität von Ed Murrows „Good night, and good luck“, aber mal schauen wie das nach 50 Folgen sein wird.
  • Ganz im Unterschied zu den zuvor erwähnten Szenen zwischen Otto und seiner Tochter ist die Szene im Park, bei der Tilia und Karl spekulieren für wen Pichler arbeitet, ein gelungenes Beispiel für Exposition. Notwendige Erklärungen werden in einen exzellenten und handlungsrelevanten Dialog eingebunden und wir erfahren gleichzeitig auch was über die teilhabenden Figuren und ihre Beziehung zueinander. Da kann jetzt auch Aaron Sorkin wieder stolz auf Mischa Zickler sein. 1:1
Foto: ORF/Hubert Mican

5 Comments

  1. lu zifer 5. März 2019

    Auf meiner persönlichen Skala 1 bis 10, gibt’s für die ERSTE STAFFEL dieser Serie bestenfalls eine FÜNF !

    Langatmige, inhaltsleere Sequenzen und teilweise Schauspieler ohne Appeal(Sofie, Lukas etc ….),
    lassen -für mich- leider keine bessere Bewertung zu.

    • Hari List Post author | 5. März 2019

      Halte ich für großzügig. Bei uns gibt’s im Team-Schnitt 3,25/10. Schade, denn wenn ich mir meine Einstiegsreview hier so anschau hatte die Serie ja wirklich Potenzial.

  2. Gunnar Albertson 8. Januar 2019

    Sehr sympathische Kritik in angenehmem Ton und in dankenswerter Ausführlichkeit.
    Es wäre schön, wenn die ganze Serie so begleitet würde.

    • Hannes Blamayer 8. Januar 2019

      Danke! Wir haben auf jeden Fall vor, die gesamte Staffel zu begleiten, versuchen aber aktuell noch, eine Pressekopie zu ergattern – sonst erscheinen die Artikel erst Stunden nach Ausstrahlung.

    • Johanna 12. Januar 2019

      Das ist mir auch aufgefallen. Ist mein erstes Mal auf eurer Seite und der Tonfall der Kritik hat mich sofort positiv überrascht. (Und natürlich auch die Serie selbst, wie sie hier beschrieben wird.)

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