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Kritik: Walking on Sunshine 1×06

Otto hat keine Probleme mehr. Die Wetterredaktion hat ein großes Problem. Tilia hat eine Lösung. Karl hat zwei Probleme und eine Lösung. Sophie hat ein Problem und viele Lösungen. Lukas hat viel, aber keine Probleme oder Lösungen. Und „Walking on Sunshine“ hat langsam einfach zu viele Probleme.

Die Abwärtsspirale bei den Eröffnungssequenzen ist vorerst gestoppt. Letzte Woche hat uns die Stimme von Barbara Kaudelka zwar mit hoher Dramatik, aber ohne passende Bilder, erzählt, wie Tilia immer schon war. Nur um sie dann kurz ordinär werden zu lassen, uns aber aber ohne irgendeine Art von Mehrwert in die Folge zu schicken. Diese Woche gibt es hingegen wieder tolle Einstellungen und Otto wird uns auch ein klein wenig näher gebracht. Aus der Reihe fällt dieser Teaser trotzdem, weil es Visionen (oder besser: Versionen) der Zukunft sind.

Foto: ORF/Hubert Mican

Das erste Bild, auf dem wir Franzi (Sophie Stockinger) trauern sehen, und auch die gesamte Erzählung um Ottos potenziellen Tod, wirken aber nicht, weil wir natürlich nicht wirklich glauben, dass Otto gestorben wäre und Robert Palfrader die Serie nach der Hälfte der ersten Staffel verlassen hätte. Das anzusprechen ist mir deshalb ein Anliegen, weil Serienfans und -experten aller Grade in den letzten Jahren immer wieder eines gesagt haben: Das deutschsprachige Fernsehen muss mutiger werden. Die (vermeintliche) Hauptfigur früh sterben zu lassen, nachdem sie ihren Zweck erfüllt hat, wäre so eine Möglichkeit gewesen.

Als jemand, der auch kommerziellen Überlegungen nicht abgeneigt ist, hätte ich es ebenso mutig gefunden, wenn man die Serie mit Palfrader ans Publikum verkauft hätte und ihn dann nach der Hälfte rausschreibt. Das hätte für zumindest ein klein bisschen Aufregung gesorgt, da bin ich mir sicher. Rein dramaturgisch spricht jetzt auch nicht wirklich viel dafür, dass Otto unbedingt in der Serie bleiben muss. Die Geschichte vom abgehalfterten Moderator, der widerwillig eine „niedere“ Position annimmt, um sich dann dort doch einzufügen und Teil des Teams zu werden, ist so gut wie auserzählt und war nie der Fokus der Serie. Womit wir wieder bei der Wichtigkeit der Eröffnungsszene wären: Die war wieder einfach völlig egal für das große Ganze – anders als in Folge 1 und 2.

Aber egal wie gehaltvoll die Episodenanfänge bisher waren, in einem passen die Eröffnungen perfekt zur Serie: Sie sind genau so unrund wie “Walking on Sunshine” insgesamt. Die sechste Folge reiht sich da einfach nahtlos ein. Ist das die Art von Konstanz, die wir erwarten?

Der Geläuterte

Otto ist also am Leben und anstatt heimzugehen bricht er in einen Wohnwagen ein und verbringt dort eine Woche. Unverzeihlich ist aber, dass er an Franzi einfach gar keinen Gedanken verschwendet hat. Letzte Woche haben wir gesehen, wie sehr er versucht seine Rückfälle auch vor ihr zu verheimlichen, aber wir wissen ja auch, dass ihm langsam die Freunde ausgehen. Er braucht Franzi.

Es ist zwar wirklich zäh, bis die Hundefrau dann irgendwann doch glaubt, dass es wirklich Otto ist, aber es beschert uns immerhin dieses herrliche Bild:

Foto: ORF/Hubert Mican

Irgendwoher kommt dann eine enorme Läuterung, die Otto komplett verändert. Sich bei allen, denen man Schaden zugefügt hat, zu entschuldigen, ist zwar meines Wissens nach einer der 12 Stufen der Anonymen Alkoholiker, aber da kommt Otto etwas sehr schnell hin. Und er ist nicht in AA, oder? Also wie kommt er von A nach B? Da hat uns die Serie wieder was unterschlagen.

Nachdem seine “Freunde” als Charaktere nicht existieren, entschuldigt sich Otto für uns sichtbar bei den Kollegen. Wobei “entschuldigen” schon ein hartes Wort ist, sind doch die Geschenke für Jana, Wolfgang und Nicky auch irgendwie kleine Sticheleien. Tilia – aus der man weiterhin nicht schlau wird, wann sie hart und gemein und wann die Empathie in Person ist – hat sogar noch ein Wort des Lobes für ihn über, das seinen Narzissmus noch weiter befeuert. Und im Studio ist er dann wieder in seinem Element und sein neu gewonnenes Positivgefühl steigert sich ins Manische.

Was genau soll das alles?

Die neue Böse

Hatten wir zu Beginn Conny als untypische Böse gesehen, ist es jetzt immer mehr Sophie, die ihre wahre Seite zeigt. Ich hatte sie ja schon im Verdacht, dass sie Lukas erst eines Blickes würdigte, als er zu Geld gekommen war. Das bestätigt sie jetzt mehr oder weniger direkt. Sie will nicht, dass die Medienbranche glaubt, dass sie mit dem Praktikanten ausgeht. Aber nein, der ist doch jetzt wer. Also wie jetzt?

Foto: ORF/Hubert Mican

Den gestohlenen Ring hat sie zwar zurückgelegt, aber das Vertrauen von Lukas missbraucht sie trotzdem und erzählt Tilia von seinem Vermögen. Hatten wir bis dahin noch Zweifel, dass Sophie, um ihren Job zu retten, alles tun würde, sind spätestens mit der letzten Szene alle Bedenken ausgeräumt. Auch wenn sie ihre Beziehung zu Lukas “nicht definiert” hat, ist das einfach ein weiterer Betrug an dem gutgläubigen Trottel und wahrscheinlich auch an allen anderen Mitgliedern der Redaktion.

Der arbeitslose Praktikant

Immer noch ist mir nicht klar, warum Lukas so sehr auf das Wetter steht. Aber wie vorhergesehen wird es wohl wirklich soweit kommen, dass er sich seinen eigenen Arbeitsplatz bezahlt. OK, soll so sein. Aber diese Drohungen mit Arbeitslosigkeit und der immer wieder wiederholten Betonung seines Praktikantendaseins wirken so beliebig eingesetzt, auch wenn Tilia das bei anderen auch gelegentlich macht. Und richtig stimmt die Chemie zwischen Aaron Karl und Proschat Madani auch nicht, die Dialoge zwischen den beiden sind immer besonders hölzern.

Foto: ORF/Hubert Mican

Noch unverständlicher ist aber Lukas’ Verhältnis zu Sophie. Ist er jetzt verliebt oder nicht? Ist er blind oder nur gutgläubig? Warum sagt er, weil er sie so lieb hat, dass er ihr vertraut, und stürzt dann trotzdem Hals über Kopf nach Hause? Und warum ist er enttäuscht, als er entdeckt, dass Sophie den Ring wirklich zurückgelegt hat? Was wollte er? Hätte er dann endlich einmal größere Emotionen gezeigt und sie angeschrien?

Wird irgendwer schlau aus dem?

Der bunte Mafioso

Karls Tänzchen mit den Russen war eine relativ bekannte Szenenfolge: Einführung der Bösen, Bedrohung, vermeintliche Kooperation, Konfrontation, Twist, leicht offenes Ende. Dazwischen noch ein wenig Geplänkel um die Ehe und ein wertvolles Bild und unterm Strich hatte Karl enorm viel Screentime für einen Nebencharakter.

Dass er dann direkt nach der Drohung gleich joggen geht sei einmal dahingestellt, aber es gibt die Gelegenheit, noch ein Rätsel aufzumachen. Hat sich Otto nur eingebildet, dass sein Bruder auf ihn geschossen hat? Oder ist das einfach nur die nächste geschickte Lüge von Karl, um aus einer gefährlichen Situation rauszukommen?

Wir werden sehen.

Lists Liste

  • „Wo waren wir stehengeblieben?“„Gacken!“ Auch wenn es objektiv stimmen mag, dass Sophie gerade am WC war, aber was ist das einerseits für ein grausam schlechter, nicht einmal pseudolustiger Dialog und andererseits für ein Moment, die Folge zu beenden? Hätte sie einfach gar nichts sagen können und die Episode mit unserer Erkenntnis enden können?
  • Ich hab mir die Einstellung mehrmals angesehen, aber hat sich Otto da teilweise von Hundefutter ernährt?
Foto: Screenshot
  • Was hieltet ihr von den Russen? Als Episodencharaktere waren sie ganz OK. Ob man die Witzchen mehr oder weniger gelungen fand, ist sicher Geschmacksache.
  • Prinzipiell bin ich kein Fan von Witzen, die in ein paar Jahren keiner mehr versteht. In Folge 4 funktioniert “In Kärnten ist die Sonne vom Himmel gefallen” auch ohne die Haider-Verbindung, weil es buchstäblich wahr ist. Eine aktive Politikerin direkt einzubauen verkürzt aber die Halbwertszeit des Witzes dramatisch.
  • Hat es wirklich einen zweiten Direktor gebraucht? Soll Bernhard Schir als Finanzdirektor Graupmann jetzt das Ruder herumreißen? Was genau hat an Martin Zauners Rolle nicht gepasst und worin besteht der Mehrwert, dass man jetzt einen anderen Medienmanager ans Steuer lässt, um das Schicksal der Wetterredaktion zu lenken?
  • Die Fieslinge Nicky und Johannes hatten keine Gelegenheit zu mobben und waren heute nur im Hintergrund. Ein buntes Hemd macht halt noch keinen Charakter.
  • Conny konfrontiert ihre Mutter und hat schon wieder erwartet, dass sie an die neue Arbeitsstelle mitgenommen wird. Ansonsten hat Selina Graf kaum mehr etwas zu tun, aber ich würde mir wünschen, dass wenigstens diese wenigen Szenen souverän ablaufen.
  • Im Gespräch zwischen Mutter und Tochter erledigt Tilia auch gleich meinen Job, in dem sie auf die Redundanz im Drehbuch hinweist: “Das hast du bereits gesagt.”

3 Kommentare

  1. Nemo 5. Februar 2019

    Wir erleben in dieser Serie den Auftritt einer Anti-Ästhetik, die mit den disparaten Einzelszenen die Vermutung der Seher über den zukünftigen Plot bewußt sabotiert. Der Autor (-> wißt Ihr was über seinen persönlichen/beruflichen Hintergrund?) hat kein Interesse daran, die einzelnen Charaktere, Einstellungen und Gags zu einem möglichst einheitlichen Ganzen zu montieren (schon gar nicht will er Scrabble oder Puzzles legen) – sein Zweck ist die Desintegration. Diese könnte im Einklang mit philosophischen Grundüberzeugungen stehen (Dekonstruktion); der Autor mag aber auch unbewußt handeln.
    Die Serie ist auch keine >>Dramedy<>walking on shunshine<< besser einzuordnen (schon wegen des sabotierten Plots). Wir haben uns aber bis zum Ende der Staffel nicht auf die Auflösung der Geheimnisse einzustellen; viel eher auf eine weitere Anhäufung isolierter Bausteine.
    Ich hoffe, klargemacht zu haben, dass die Serie nicht schlecht ist, sondern abartig.

    • Hari List Autor des Beitrages | 5. Februar 2019

      Ich wusste tatsächlich schon vorher relativ viel über die bisherigen Produktionen von Autor Mischa Zickler. Aber nur weil jemand hauptsächlich Casting- und Musikshows produziert hat, ist das ja noch kein Grund ihm nicht auch als Serienautor eine Chance zu geben.
      Da könnten wir vermutlich auch viel darüber philosophieren, inwiefern man seine Vita der Serie ansieht 😉

      https://de.wikipedia.org/wiki/Mischa_Zickler

  2. Hannes Blamayer 4. Februar 2019

    Also ich finde die Serie wird immer witziger. Die Sequenz zu Beginn war echt der Hammer! Wer hätte gedacht, dass die ZiB-Moderatorin so überzeugend weinen kann? Und das mit den Hunden war tatsächlich ziemlich witzig. Selbst die Geschichte rund um Karl war diesmal ganz nett.

    Was die Charaktere anbelangt geb ich dir aber größtenteils recht. Dass Otto seiner Tochter nichts von seinem Überleben erzählt hat ist doch total out of character. Und aus Sofie werd ich jetzt gar nicht mehr schlau – ist die jetzt Spionin des Ministers? Aber warum? Die ist ja schon eine ganze Weile Teil der Redaktion…

    Bin gespannt, wie das mit der Neugründung der Redaktion/Auslagerung weitergehen wird.

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