Warum mehr Geld für den österreichischen Film nicht automatisch ein Segen ist
Teil 3/3 – Eine Einordnung zu den Daten der ÖFI-Förderungen. Warum mehr Geld nicht automatisch bessere Filme bedeutet und welche Fragen die steigenden Mittelerhöhungen aufwerfen. Von kleinen bis zu „verrückten“ Ideen für die 15 Millionen EUR plus im ÖFI-Budget.
Ob des jetzt gut is, oder schlecht. Ich kann’s nicht deuten. – Schaf Manfred (gesprochen von Roland Düringer) in SHEEP. Einen BFP-Podcast zur dieser neuen ÖSerie gibt es im August.
Nach dem Bericht über den Anlassfall und der Auswertung der letzten 25 Jahre Spielfilmförderung durch das Österreichische Filminstitut. kommt hier jetzt die Analyse und Interpretation. Was fällt auf? Und was könnte man mit dem ganzen zusätzlichen Geld so machen?
Teil 1: Der Fall RIOT/GIRL: Warum man bei der Filmförderung manchmal nachfragen sollte
Teil 2: 25 Jahre Spielfilmförderung des ÖFI im Datencheck: Wenn (und wann) Millionen-Zusagen zur Regel werden
Mehr Geld ist nicht unbedingt ein Segen
Ich bin bekanntlich kein großer Fan von Förderungen allgemein. Mit denen, die von kleinen Committees getroffen werden, habe ich besondere Bedenken, weil die Entscheidungen nie öffentlich begründet werden. Zahlenbasierte und ökonomisch begründete Förderungen wie ÖFI+ – mit dem ich aber auch meine Probleme habe – sind mir da lieber. Vor allem als Steuerzahler, der eventuell auch einen konkreten Return für sein Geld sehen will.
Aber ich bin nicht prinzipiell dagegen, wenn halbwegs konkrete und idealerweise messbare Ziele definiert und insgesamt auch irgendwie erreicht werden. Auf der Infoseite zu den Projektkommissionen des ÖFI heißt es zu den Absichten der Förderung:
Vorrangiges Ziel ist immer das Erreichen eines größtmöglichen Publikums und die Stärkung der „Marke“ des heimischen Films, national wie international, worin letztlich auch die Legitimation der Filmförderung liegt.
Das (und noch einige andere wohlklingende Punkte daraus) sehe ich einfach nur bei den allerwenigsten Projekten erfüllt, und das Publikum ist messbar winzig und wird auch nicht kontinuierlich größer. Wenn dann mehr Geld zur Verfügung steht, kann das vielleicht helfen, diese Mission besser oder überhaupt zu erfüllen – aber es kann eben auch nur mehr „good money after bad“ sein.
Keinesfalls brauchen wir mehr Kinofilme, denn das Filmjahr ist jetzt bereits mit jährlich über 50 neuen österreichischen Spiel- und Dokumentarfilmen mehr als voll. Also mehr Geld für die gleiche Anzahl (oder sogar weniger) Filme? Für 2026 geben die bisherigen Förderentscheide das schon her, und meine Hypothese, dass es bald Zusagen >2 Mio. EUR für ein einzelnes Projekt gibt, halte ich weiterhin für plausibel. Vielleicht sogar noch mehr.
Nur: Wenn das der neue Status quo wird, dann tut der nächste echte Einschnitt im Budget dann mehr weh. Wenn alle mehr verdienen, aber nicht MEHR im Film da ist (CGI, Special Effects, teurere Locations, teurere Stars, etc.) und einfach nur alles teurer wird am Set, dann bewegt und verbessert sich mittelfristig genau gar nichts.
Was geht mit dem Geld sonst noch?
Ein paar „verrückte“ Ideen liest du weiter unten. Aber im Rahmen dessen, wie das ÖFI aktuell fördert, kann man mit zusätzlichem Budget auch ein bisschen was bewegen.
Erste Idee: Aufstockung der Referenzmittel. Aktuell kann ein Film bis zu 800.000 EUR an entsprechenden Referenzpunkten sammeln. Dafür muss man entweder 260.000 Kinobesuche haben oder z.B. einen Oscar gewinnen. Meiner Meinung nach werden Festivals und Filmpreise zu stark und heimischer Publikumserfolg – ab 40.000 Besuchen gibt es 300.000 EUR – zu gering belohnt.
40.000 Besuche sind meiner Meinung nach lächerlich wenig, wenn ein Film auch gesellschaftlichen Effekt haben soll. Dafür 300.000 EUR sind ziemlich großzügig, und auf Basis der ausgewerteten Daten entspricht das schon einer halben durchschnittlichen Zusage. Wir könnten die Anreizförderung von aktuell 7,50 auf z.B. 10 EUR pro heimischen Besucher erhöhen, aber dafür die Untergrenze anheben. Und diese 10 EUR aber fix, denn aktuell ist das System degressiv und bei 260.000 Besuchen gibt es nur noch knapp etwas mehr als 3 EUR „Belohnung“.
Wenn der Kinostart eines geförderten Films bevorsteht, unterstützt das ÖFI den Verleih mit einer entsprechenden Förderung. Meinen Vorschlag, hier mehr Geld zu investieren, haben Stammhör- und Leser:innen von BFP schon oft mitbekommen. Der ÖFilm hat definitiv ein Marketingproblem, und hier kann mehr Geld meiner Meinung nach exponentiell mehr helfen.
Anderen Kulturinstitutionen geht es budgetär etwas weniger rosig. Die zu erhalten ist nicht Aufgabe des ÖFI, aber ein kleines bisschen vom Kuchen für Sonderförderungen zu verteilen, ist meiner Meinung nach okay, wenn es die Richtlinien zulassen.
Das ÖFI fördert aber auch Weiterbildung, und da sind es nur sehr, sehr kleine Summen, die für einzelne Filmschaffende jedoch sehr viel bedeuten können. Ich hoffe sehr, dass sich da ordentlich bedient wird und das ÖFI das auch offensiv bewirbt und großzügig ist (z.B. indem für die nächsten Jahre mehr als 50 % der Kurskosten übernommen werden).
Bessere Ausbildung könnte vielleicht auch bei einem weiteren Issue helfen, über das auf Basis der Daten definitiv spekuliert werden darf:
Warum braucht es so viele und immer mehr Mittelerhöhungen (ME)?
Ich habe mir die Liste der Projekte – die im Datentext erwähnten 561 Zusagen – detailliert angesehen. 150 oder knapp 27% aller Zusagen sind Mittelerhöhungen. Viele MEs betragen einige zehntausend Euro. Okay. Es gibt aber auch Projekte, bei denen zwischen der ersten Förderung und der (deutlich sechsstelligen) ME einige Jahre vergangen sind.
Das deutlichste Beispiel ist DES TEUFELS BAD: Der Film hatte eine Zusage idHv 354.000 Euro in 2017 und danach MEs von 443.000 Euro (2020), 30.000 Euro (2022) und 150.000 Euro (2023). Da könnte es sein, dass 2020 eine erneuerte Zusage mit eingepreister Teuerung für 2017 war. Aber die Infos des ÖFI lauten „Mittelerhöhung“, deswegen ist es in meiner Analyse auch so ausgewiesen.
Besonders interessant sind aber MEs, die in ihrer Höhe an die Erstzusage heranreichen oder diese sogar übertreffen. HANSI, ein aktuelles Projekt, hat beim ersten Termin 2026 (PK 26/02) 778.000 Euro zugesagt (genauer: Mittelbindung einer vorherigen Zusage) bekommen und jetzt im Juni (PK 26/5) eine Erhöhung von 894.000 Euro erhalten. Das Gleiche gilt für den ebenfalls noch nicht fertiggestellten SENTIMENTAL FAIL CLUB: Das Projekt erhielt 2025 470.000 Euro zugesagt und jetzt 2026 eine ME von 767.600 Euro.
Es gibt in der Förderkalkulation allerdings eine Überschreitungsreserve von 5–10 %, und eine Fertigstellungsversicherung („Completion Bond“) kann ebenfalls in den förderbaren Kosten inkludiert sein. Diese zahlt dann z.B. bei Ausfall des Hauptdarstellers die Nachdrehs.
Ich habe auch Verständnis dafür, dass man als Financier eines Projekts manchmal die Wahl hat, Geld nachzuschießen oder das bereits investierte Kapital komplett abzuschreiben. Sollte vonseiten der Produktionsfirma durch eigenes Verschulden etwas schiefgegangen sein, kann das ÖFI zwar Rückforderungen stellen, aber das würde bei diesen Summen wohl jede österreichische Filmproduktionsfirma ruinieren.
Trotzdem ist es fair das zu hinterfragen. Vor allem weil es zu Mittelerhöhungen genauso wie zu allgemeinen Zusagen keine öffentlichen Begründungen gibt. Wie in meiner Erzählung zu den Auffälligkeiten rund um RIOT/GIRL muss ich betonen, dass ich nicht davon ausgehe, hier läge irgendetwas im Argen oder es würde gegen irgendwelche Regularien verstoßen.
Let’s go crazy?
Zum Abschluss wie versprochen noch ein paar Ideen für die ~15 Mio. EUR ab 2026 mehr im ÖFI-Budget. Egal, ob die schwierig umzusetzen oder vielleicht sogar rechtlich heikel sind.
- Subvention von Ticketpreisen für ÖFilme. Entweder bekommen Kinobetriebe 1–2 EUR dazu für jede nachweislich verkaufte Karte, oder sie sollen flächendeckend den Kartenpreis für diese Filme senken, was ihnen dann ersetzt wird. Machen wir aktuell bei Grundnahrungsmitteln übrigens.
- Anreizförderung für Kinos, wenn der Anteil an Öfilmen in ihrem Programm z.B. einen gewissen Prozentsatz übersteigt.
- Massiver organisatorischer (und rechtlicher) Ausbau von „Wanderkinos“ und Möglichkeiten, womit in jeder kleinen Gemeinde, in jedem Saal und von jeder und jedem unkompliziert österreichische Filme – auch relativ neue – öffentlich aufgeführt werden dürfen.
- Höhere Subvention oder gänzliche Kostenübernahme des Kinobesuchs von Schulklassen bei aktuellen Dokumentar- und ausgewählten Spielfilmen.
- Förderung von ländlichen Kinos. Generell jede Maßnahme gegen das Kinosterben.
- Bruttofilmlandsprodukt könnte ich auch Vollzeit machen 😎. Aber ernsthaft: der „professionelle“ österreichische Filmjournalismus ist räudig, kaputt und eigentlich inexistent und braucht dringend Unterstützung.
Eigentlich alles gar nicht sooo crazy, oder? Ich bin gerne bereit, jede dieser Ideen im Detail zu diskutieren.
Was meinst Du?



