Der Fall RIOT/GIRL: Warum man bei der Filmförderung manchmal nachfragen sollte
TEIL 1/3 – Mitte Juni bis Anfang Juli passierten im österreichischen Filmschaffen einige Dinge parallel. Jedes für sich interessant, zusammen bemerkenswert. Also musste ich nachfragen, was es damit auf sich hat. Ein Erlebnisbericht über Transparenz, Filmförderung, Filmproduktionen in der Schwebe und die schlimmste Variante.
Gleich vorneweg: Ich bin zu keinem Zeitpunkt davon ausgegangen, dass hier etwas „Illegales“ passiert wäre. Aber es ist glaube ich auch gut argumentierbar, eine skeptische Augenbraue hochzuziehen und als gelernter Österreicher ein paar Fragen zu stellen. Am Ende hat sich dann herausgestellt, dass tatsächlich „nichts“ passiert ist. Du liest hier also eine Non-Story. Aber ich habe einiges gelernt, und das möchte ich gerne teilen.
Außerdem ist das der Anlass und Startpunkt für eine große, trockene Datenrecherche. Als dritten Text in der Reihe gibt es dann noch eine subjektive Einordnung der Daten.
Teil 2: 25 Jahre Spielfilmförderung des ÖFI im Datencheck: Wenn (und wann) Millionen-Zusagen zur Regel werden
Teil 3: Warum mehr Geld für den österreichischen Film nicht automatisch ein Segen ist
Was war passiert?
1) Am 18. Juni eröffnete die Präsidentschaft der Akademie des österreichischen Films die Gala zum österreichischen Filmpreis. Arash T. Riahi erzählte dabei, dass seine Firma Golden Girls in den kürzlich bekanntgegebenen Förderentscheiden 4 Ablehnungen erfahren habe. Kopräsidentin Verena Altenberger wies gleich kalmierend darauf hin, dass Arash* ja heute „rund 87x nominiert sei“. Tatsächlich waren es 19 Nominierungen für Golden-Girls-Filme, und am Ende wurden 10 Filmpreise gewonnen. Arash selbst ging mit dem Hauptpreis für den besten Spielfilm heim, nicht aber ohne in seiner Dankesrede noch einmal die Ablehnungen zu erwähnen.

2) Das Österreichische Filminstitut (ÖFI) hatte in den Tagen vor der Gala eine Projektkommissionssitzung (PK), bei der u. a. über die großen Herstellungsförderungen entschieden wurde. Auf der Website fand sich zu dem Zeitpunkt eine kompakte Vorabversion der Entscheidungen, aber noch ohne konkrete Summen. In dieser war nur eine Projektentwicklungsförderung für Golden Girls zu finden. 6 Filme erhielten eine Zusage für eine Herstellungsförderung.
3) Am 3. Juli kam der Newsletter des ÖFI, in dem die aktuellen Entscheidungen bekanntgegeben wurden und auch auf die detaillierten Zusagen verwiesen wurde. Im E-Mail waren jetzt 7 Projekte mit einer Herstellungsförderung gelistet. Neu dabei war RIOT/GIRL der Golden Girls mit einer Zusage idHv 1,78 Mio. EUR. Weitere Infos standen nicht dabei.
4) Auf der Website des ÖFI wurden zeitgleich die heute noch verfügbaren detaillierten Förderzusagen der PK 26/05 (PDF) veröffentlicht. Darin stand eine weitere interessante Information bei der Entscheidung für RIOT/GIRL dabei: Die Entscheidung sei „per Rundlauf durch die PK der 24/06 Sitzung“ gefällt worden.
TIL: Etwas „per Rundlauf“ zu beschließen bedeutet im Beamtensprech, dass anstatt ein vorgesehenes Gremium einzuberufen, ein abzustimmender Vorschlag zwischen allen Mitgliedern herumgeschickt wird. Ist natürlich sinnvoll, denn manchmal muss es einfach schneller gehen.
5) Ich war seit Mitte Juni gerade an einer großen Datenrecherche zum Österreichischen Filminstitut dran und dadurch schon tief mit allerlei Daten zu den Förderungen vertraut. Daher fiel mir auf, dass diese 1,78 Mio. EUR die größte jemals vom ÖFI zugesagte Einzelförderung darstellen. Und wie ich in der Datenrecherche zeige, waren Zusagen >1 Mio. EUR bis zu diesem Zeitpunkt generell selten. Ich wusste auch, dass RIOT/GIRL 2024 bereits eine Zusage idHv 680.000** EUR erhalten hatte.
Man fragt sich also
Wie schon eingangs erwähnt stellten sich jetzt ein paar offensichtliche Fragen.
- Meinte Arash die aktuellen Förderungen des ÖFI, bei denen er 4 Ablehnungen erfahren hätte?
- Warum war die Zusage für RIOT/GIRL am 18. Juni noch nicht in den kompakten Förderzusagen?
- Wurde RIOT/GIRL erst nach dem 18. Juni zugesagt, also nach der Filmpreisgala und der öffentlichen Erwähnung durch Arash?
- Warum wurde RIOT/GIRL per Rundlauf beschlossen? Hätte das nicht bis zur nächsten regulären Sitzung warten können?
- Warum war die alte 2024er-Projektkommission damit befasst?
- Warum war die Zusage für RIOT/GIRL so außergewöhnlich hoch?
Ganz brutal gesprochen geben die Ereignisse auch folgenden Ablauf her: 26/05-Kommission lehnt im Juni ab –> prominenter Produzent beschwert sich öffentlich –> Prozess wird in Gang gesetzt, der eine Zusage im schnellstmöglichen Verfahren (eben „per Rundlauf“) ermöglicht –> Betraut wird nicht die aktuelle Kommission, sondern die PK 24/06 , die in der Vergangenheit schon einmal positiv zugesagt hatte –> eine besonders hohe Summe wird zugesagt.
Und ich betone noch einmal, dass ich diese besonders negative Lesart in Anbetracht der Ereignisse zwar für fair halte, aber eben auch nicht grundlegend daran gezweifelt hatte, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Ich hatte einfach nicht genug Informationen, um die Sache abschließend beurteilen zu können.
Also habe ich einen längeren und ausführlicheren Fragenkatalog an Arash und das Filminstitut in Person der stellvertretenden Direktorin Fr. Zappe-Heller geschickt. Maximal sachlich und ohne vorauseilende Vorwürfe, aber ich bin mir sicher, mein berechtigtes Interesse und der entstandene Anschein waren offenkundig. Beide haben sehr schnell und ausführlich geantwortet.
Transparenz ist nicht gleich Transparenz
Bevor ich zu den Antworten komme, noch ein kurzer Exkurs zu Transparenz. Das ÖFI ist sehr transparent und veröffentlicht sehr viele Daten zum österreichischen Film. Mal abgesehen davon, dass das ÖFI einen gesetzlichen Auftrag dazu hat und ich meine, dass staatliche Stellen, die mit Steuergeld arbeiten, auch moralisch zu größtmöglicher Transparenz verpflichtet sind, ist diese Transparenz nur relativ gesehen sehr gut.
Es werden sehr, sehr viele einzelne Informationen und Datenpunkte veröffentlicht, viel mehr als bei anderen großen Förderstellen wie dem Filmfonds Wien oder dem RTR Fernsehfonds. Der Fernsehfonds veröffentlicht z. B. nur sehr wenige Datenpunkte, aber die als Liste, die man filtern und in Teilen oder gesamt downloaden kann. Das WANN, WIE und WAS ist bei den Daten des ÖFI trotzdem noch stark ausbaufähig und hat hier auch zu meiner Verwirrung und meinem erweiterten Informationsbedürfnis in diesem Fall beigetragen.
Warum zum Beispiel wird eine „kompakte“, eigentlich unvollständige Förderinfo vorab veröffentlicht? Es wäre absolut ausreichend, nur die Vollversion 1-2 Wochen später zu liefern. Dann unterscheidet das ÖFI verschiedene Arten der Zusagen und die nochmal von Mittelerhöhungen mit und ohne Bindung, Zusagen von Referenzmitteln, etc. Mir wurde erklärt, nur selektive, aktuelle Zusagen sind in der kompakten Variante, andere nicht. Das mag intern eine Logik haben und jedem im ÖFI klar sein, aber für den interessierten Laien wie mich eben nicht offensichtlich. Diese Unterschiede sind in den inkludierten Tabellen dann in Fußnoten gelistet. Aber diese Fußnoten und auch die Art, wie die Daten gezählt werden, haben sich über die Jahre immer wieder geändert***.

Außerdem ist es nicht so leicht, Dinge schnell nachzuschauen, wenn sie auf diverse PDFs oder eigene URLs verteilt sind. Jedes geförderte Projekt hat eine eigene URL auf der ÖFI-Website. Es ist nicht ohne Weiteres möglich, eine Liste zu ziehen, in der alle Informationen und vielleicht noch ein paar Anmerkungen dabei stehen. Und da stehen auch keine historischen Daten. Auf der Projektseite von RIOT/GIRL steht heute eine Zusage idHv 1,78 Mio. EUR. In den historischen Snapshots der Seite vom Jänner 2026 und vom Oktober 2024 stehen dort 687.659** EUR. Kein Hinweis darauf, dass sich hier historisch was getan hat oder woraus sich diese 1,78 Mio. EUR zusammensetzen (s.u.).
Automatisiert ist sowieso nichts möglich, weil die PDFs für die Verarbeitung durch menschliche Augen und nicht durch elektronische Maschinen gemacht sind. Und die meisten Sammeldokumente mit umfassenden Listen (z. B. Tätigkeitsberichte) sind erst spät im Laufe des Folgejahres verfügbar***.
Was war also wirklich los mit RIOT/GIRL?
Die wichtigste Info zuerst: Arash bezog sich beim Filmpreis auf die Zusagen des Filmfonds Wien, die auch am Tag vor der Gala entschieden wurden, und nicht auf die des ÖFI. Der FFW ist auch ein relevanter Förderer, ohne den viele Projekte gar nicht möglich wären. Es betraf auch nicht RIOT/GIRL, der Film hatte vom FFW bereits eine Zusage aus 2025.
Die Zusage des ÖFI aus 2024 war nur noch bis März 2026 aufrecht. Eine weitere Verlängerung ging nicht, und daher wurde formal neu eingereicht. Aber für das ÖFI war es eben nicht wirklich neu, sodass die PK 26/05 zuständig gewesen wäre. Also wurde die Entscheidung an die alte PK aus 2024 zugewiesen, die damals erstmals mit RIOT/GIRL befasst war. Und die wurde für eine Entscheidung eben per Rundlauf befragt. Was auch Sinn macht, denn das passierte im April nach Ablauf der Förderung im März. Man konnte nicht auf die Kommission im Juni warten.
RIOT/GIRL war also gleichzeitig neu und alt. Laut Arash gab es massives Interesse bei der Berlinale, und eine mögliche Zusage aus Luxemburg im Sommer sei der Grund für die „Verlängerung“. Auch der FFW hat seine Zusage bis Ende Juli verlängert. Das Projekt hängt also in der Schwebe, und ich bin gespannt, was daraus wird.
Das erklärt die 680.000** EUR aus 2024. Aber woher stammen dann die zusätzlichen 1,1 Millionen EUR? Kurz: Ursprünglich hätte RIOT/GIRL 1,1 Mio. EUR aus der Wirtschaftsförderung ÖFI+ erhalten sollen. Diese wurde aber Anfang 2025 de facto eingestellt und dafür das selektive Budget des Filminstituts 2026 um 15 Mio. EUR erhöht. RIOT/GIRL scheint da (zeitlich) Pech gehabt zu haben, was dann vom ÖFI selektiv ausgeglichen wurde. Man wollte mit all diesen Mitteln 2025 drehen, aber es braucht jetzt eine weitere Koproduktion für den Dreh dann im Frühjahr 2027.
Das alles ist aus den Dokumenten einfach nicht zu sehen. Ich bin Arash sehr dankbar für seine Erklärungen und den offenen Blick hinter die Kulissen.
Diese besonderen Rundlaufbeschlüsse (RLBs) werden auch erst seit 2025 vom Filminstitut in den Förderzusagen ausgewiesen. Eine dieser erwähnten Änderungen, die im Laufe der Zeit mit den Daten passieren und rückwirkend in den PDFs natürlich nicht nachgetragen werden (können). Daher konnte mir von Fr. Zappe-Heller auch nicht beantwortet werden, wie viele RLBs es bisher gab. Die Möglichkeit ist in den Regularien des ÖFI jedenfalls nicht neu.
In der kompakten Info stehen lt. Fr. Zappe-Heller nur selektive Zusagen der aktuellen Sitzung. Aber RIOT/GIRL musste ja irgendwo dokumentiert werden. Also stand es dann in der Vollversion aller Entscheide dabei. Da sind auch andere Zusagen drin, die nicht von der Kommission getroffen werden mussten. Transparent ist das jedenfalls. Aber das WIE ist wie gesagt ausbaufähig.
Fazit
Was machen wir jetzt damit? Ich habe ja gesagt, dass das hier eine Non-Story ist. Für mich als ÖFilm- und Datennerd ist es ein Einblick, der mir langfristig hilft, die Transparenz des Filminstituts besser zu verstehen.
Nachdem BFP aber auch immer ein bissi Medienkritik mit dabei hat, nehmen wir aus dem Bereich was mit. Auch wenn die schlimmste Variante eines Sachverhalts plausibel erscheint (s.o.), sollte man sie nicht einfach unreflektiert rausposten. Okay, ich habe auch keine nennenswerte Reichweite, und der österreichische Film interessiert den Onlinemob und den Boulevard nur, wenn sie Andreas Babler was unterstellen können.
Wenn dir was komisch vorkommt, kannst du gerne zynisch was vermuten, aber trotzdem innehalten, reflektieren und (höflich und konkret) nachfragen. Auch als Privatperson mit und ohne Zniachterlblog & Podcast. Und auf der anderen Seite das nicht persönlich oder als unbotmäßig empfinden, sondern professionell und so ausführlich wie möglich und erlaubt antworten. Vom Millionen verteilenden Staatsbetrieb bis zum Filmproduzenten, der diese Millionen bekommt. Daher noch einmal Danke an Fr. Zappe-Heller und Arash.
Natürlich gäbe es noch mehr Details zu erklären, weitere Aspekte zu diskutieren. Wenn du Interesse hast, dann nur her mit deiner Einsschätzung.
Was meinst Du?
* Ich hatte das Vergnügen im Filmproduktionsstudium eine Vorlesung von Arash zu Dokumentarfilmen besuchen zu können. Wir Studierende waren mit ihm damals per Du. Das haben wir in unserer Email-Kommunikation erneuert.
** Es waren 680.000 EUR in den von mir als PDF gespeicherten Förderinfos aus 2024 dokumentiert. Im ÖFI Tätigkeitsbericht 2024 sind dann 687.659 EUR gelistet. Diese zusätzlichen 7.659 EUR konnte ich sonst nirgends dokumentiert finden.
*** Ich hab alle Tätigkeitsberichte seit 2002 für meine große, eingangs erwähnte Datenrecherche ausgewertet – mit so viel automatisierter Hilfe wie möglich. Es war trotzdem sehr viel Handarbeit notwendig. Die Recherche kannst du HIER lesen. Den dritten Teil mit meiner persönlichen Analyse liest du HIER.



